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Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 17

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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KURT STECH ERT: VIER MONATE WANDERUNG DURCH ZWEIFEL UND BEJAHUNG. Diesen Beitrag schrieb iauf unseren Wunsch ein Genosse der Jungsozialisten in Deutschland, der eine Reise durch das Land und insbesondere die Arbeitersiedlungen unteirnahm. Wenn auch Manches der Betrachtungen, wie z. B. der Vergleich der Kommunen in Palästina mit den Versuchen der utopistischen Sozialisten äußerst anfechtbar ist, scheint uns dennoch die geäußerte Meinung von einer ernisten Bemühung um Einsicht in unsere Probleme zu zeugen. In London, Amsterdam, Wien, Berlin und anderen Städten Europas wurde mir klar: es gibt ein Judenproblefm. Und immer, wenn ich mit Juden dartüiber sprach, wunderten sie sich, daß sich ein Nicht jude, ein „Ohrist" (was ich aber nicht bin, da ich zu den Freidenkern gehöre), mit dem Problem der Juden beschäftigt. Dieses Sich-Wundern der Juden setzte mich meinerseits oft in Verwunderung, und nicht selten auch auf der anderen Seite des Mittelmeers, in Palästina. Denn, daß die Juden darüber s taunen, wenn sich ein Nicht jude um sie und ihre Probleme kümmert, scheint mir der Ausdruck für die Vereinsamung, für die Isolierung, für die Verbannung des jüdischen Volkes zu sein. Bei allem Verständnis für nationale Bewegungen und Notwendigkeiten-Verständnis, das ich nicht nur für die indische oder überhaupt nationale Bewegung im Orient, sondern, im Gegensatz zu vielen meiner Genossen, auch für die jüdische Nationalbewegung habe, — hasse ich nationale Borniertheit, die ja meist nur die andere Seite der nationalen Unterdrücknng ist. Wie die indische, die ägyptische, die chinesische, die tfeikische oder jede andere Nationalbeweg'ung für die Entwicklung des Proletariats und seiner späteren Entfaltung wichtig ist, scheint mir auch die jüdische Nationalbewegung für das jüdische Proletariat oind seine Entfaltung wichtig genug, mich um sie zu kümmern. Aber doch ist notwendigerweise meine erste Frage als Sozialist immer: was bedeutet die nationale Bewegung für die Arbeiterklasse? Ist sie im Ganzen gesehen ein Fort schritt? Von marxistischer Seite wird nie bestritten, daß die indische und jede andere nationale Bewegung in der Richtung des Fortschritts liegt. Aber die jüdische nationale Bewegung wird von vielen Marxisten als reaktionär verworfen. Nicht zuletzt um zu ermittein, ob sie wirklich reaktionär ist, ging ich nach Palästina. Wie in vielem war auch in diesem meine Reise durch Palästina eine Wanderung durch Zweifel und Bejahung, Bejahung und Zweifel. Es gibt nämlich in der Tat viel Reaktionäres in Palästina..., es riecht nach Tradition und anderen Dingen, die zumindestens die sozialistischen Zionisten nicht nötig hätten. Aber kann man deshalb den Zionismus ablehnen? Ist nicht jede Arbeiterbewegung in ihrer Form durch die Geschichte bestimmt? Wenn religiöse Tradition allein ein Grund wäre, eine Arbeiterbewegung reaiktionär zu stempeln, dann würde doch sicher die englische Arbeiterbewegung mit ihren naiven Traditionen die reaktionärste sein. Das heißt nicht, man soll „die Bewegungen so nehmen, wie sie sind". Erkenntnis verpflichtet zum Handeln, zur Veränderung des Erkannten in Richtung des Gewollten. 223

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