Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-12-01 · Heft 7 (Dezember 1930) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 7 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497374--712-3498130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Woher kommt das alles? Woher die Abneigung gegen den demokratischen Sozialismus und gegen die sozialistische Intennationale?2) Wir haben eingangs festgestellt, daß der Haschomer Hazair sieh in seiner Ideologie (vielfach der Psychologie seiner Jugend angepaßt hat. Da ist es interessant, daß diese Ideologie vor allem dort Fuß faßte, wo der Faschismus herrscht. Die Schomrin aus Eäterußland, aus dem demokratischen,Oesterreich und Lettland haben diesen Weg nicht mitgemacht. Im Pilsudski-iPolen, in Kumänien, hat die Jugend den Glauben verloren, daß der demokratische Sozialismus den Faschisten dais Ruder entwinden könne, ihre letzte Hoffnung ist die kommunistische Utopie und darum brauchen sie eine dieser ähnlichen Ideologie. Nicht die Nöte des jüdischen Volkes^ nicht die Bedürf nisse Erez-Israels, sondern die Verzweiflung an der Kraft der sozialistischen Demokratie in Osteuropa produzieren die Ideologie des Ejibbuz Anzä. So ist es auch verständlich, wenn Meir Jaari die Theorie verfocht* es gäbe keine Einheitspartei des (Proletariats, diese sei erst nach der sozialen ^Revolution möglich. Nun ist man versucht zu fragen, wozu man däe denn nachher noch brauche. Es gibt nur eine Erklärung: die Vorstellung, daß eine soziale Revolution nur nach russischem Muster durch eine kleine Minorität der Bevölkerung erfolgen kann, wobei es nachher selbstverständlich nur eine Arbeiterpartei geben kann, ja überhaupt nur eine Partei, weil alle anderen von der Diktatur verboten werden. Aber das ist noch nicht das Betrüblichste, daß in vielen Köpfen eine ideologische Unklarheit herrscht. Bedeutsamer noch scheint mir eine andere Erscheinung. Der Standpunkt, daß alle Meinungsverschiedeniheiten nur 'im Eahmen (des Hasehomer Hazair ausgef ochten werden und nicht auch außerhalb desselben aktiv bekundet werden dürfen. Der Umstand, daß das Bestreben nach Vereinigung mit der Arbeiterpartei nicht als ein Streben nach Einheit der Arbeiterklasse qualifiziert, sondern als Spaltung des Hasehomer Hajzair gebrandmarkt wird, verrät, daß oberster Wert und oberste Autorität die Majorität des Hasehomer Hazair und nicht die Majorität der Arbeiterklasse ist. Wer anderer Meinung ist, hat zu schweigen. Hier scheint mir die große moralische Gefahr zu liegen. War es nicht ein Glaubenssatz der Jugendbewegung, daß man für seine Ueberzieugung rücksichtslos und wahr eintritt? Heute gibt es anstatt Wahrhaftigkeit — Disziplin. Aber selbst das angenommen. Ist es nicht oberstes Gebot jedes Sozialisten, daß Klasseninteresse über Partei — und Gruppeninteresse geht und. daß daher höchstes Forum das der Klasse ist? Wenn heute der Hasehomer Hazair geistige Freiheit nur innerhalb seiner Grenzen gewähren will, so vergeht er sich am Geist der revolutionären Jugendbewegung, verkrüppelt ihn — und schafft damit selbst die Voraussetzung für die Empörung wahrhaft Jugendlicher gegen diesen Druck. 2) Eine der Bedingungen eines eventuellen Eintrittes des „Hasehomer Hazair" in die Arbeiterpartei ist der Austritt der Partei aus der Sozialistischen Internationale. 222

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.