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Der junge Jude · 1930-10-01 · Heft 5 (Oktober 1930) · page 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 5 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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irgendwie bewußt oder unbewußt, durch «ine Bedrängnis in Deinem gegenwärtigen Leben bedingt. Ich weiß nicht genau, wie Du diese Bedrängnis empfindest, was von ihr in Dein Bewußtsein dringt. Vielleicht empfindest Du besonders schmerzlich das innere Gespallcnsein zwischen Deiner Liebe zur Kultur der Umwelt und Deinem Judesein; oder bist Du durch das Gefühl zermürbt, daß Dein Leben und Deine Arbeit eines hohen Zieles, das alles mit Sinn erfüllt, bar ist? Es gibt verschiedene Ausdrücke für unser Sichnichtfindenkönnen und wir haben alle ein großes Ziel nötig. Ein Ziel, das auf das Volk gerichtet ist, •ein Ziel, das einen Kampf des ganzen Lebens und des ganzen Menschen erfordert. Dieser Kampf wird der Sinn und der Inhalt unseres Lebens sein und unsere persönlichen Probleme lösen. Aber zwischen den beiden Kräften, die :zur Chaluziuth bringen: Der Bedrängnis im 'Gegenwärtigen und dem wunderbaren Wunschtraum der Zukunft Palästinas, befindet sich das schwierigste persönliche Problem — der Prozeß der Verwirklichung, •der Prozeß der Anpassung unseres Körpers, unserer Gewohnheiten, unserer Begriffe an -das Leben einer anderen Gesellschaft im Lande. Die Forderung von Brenner, das Land mit Menschen aufzubauen, die schon in der Diaspora sich so weit wie möglich von der Gallith befreit haben, befiehlt jedem, schon hier eine innere Revolution «durchzumachen. Der Sinn dieser Revolution ist: Die Erkenntnis der Wertlosigkeit •des Galuthlebens und das Verständnis für das Positive und Fruchtbare im Lande zurstärken. Die organische Verschmelzung dieser beiden Erlebnisse ist die eigentliche Hachscharah. Nun aber ist der erste Schritt zu machen. Die Schwäche unserer Willenskraft läßt den ersten und wichtigsten Impuls nicht zur Geltung kommen. Eine gewisse Zeit wird mancher zwischen der aufrüttelnden Erkenntnis des notwendigen Schrittes und dem Mangel an Entschlußkraft hin und liergeworfen. Man sucht verschiedene Auswege und Rechtfertigungen (z. B. ich werde auch in der Diaspora kraft meiner intellektuellen Fähigkeiten eine zionistisch-sozialistische Aufgabe erfüllen), andere versuchen die Entscheidung zu verschieben: Der positive Entschluß ist schwer, aber die endgültige Aufgabe des Alijahgedankens ist ihnen noch unmöglicher. Es ist am leichtesten, sich „noch" nicht zu entscheiden. Aber die Zeit entscheidet für die Menschen: Man wird älter, man fügt sich mit großen Opfern in das Leben hier ein. Das Gefühl und der Wille werden stumpf, die „Krankheit'' des jüdischen Menschen kommt in jene Phase, in der man den Schmerz nicht mehr fühlt Das ist allzu oft der wahre Sinn der Aufschiebung. Dies ist meine unzweideutige Antwort auf Deine Frage. Man sagt, es gibt Helden in der Welt. Mir scheint es, daß die meisten Helden ganz einfache Menschen waren, die das Schicksal vor die Wahl gestellt hat, die mutige Tat zu tun oder unterzugehen. Der einfache gesunde Instinkt, weiter leben zu wollen, hat aus ihnen Helden gemacht. Wir befinden uns in einer ähnlichen Situation. .....Sieh', Du bist der Chaluziuth viel näher, als es Dir scheint. Nur der erste Schritt.... Beginne zu schwimmen und alle Deine Probleme, hebräische Sprache, Berufswahl, das Zusammenleben in der Gemeinschaft und alles andere wird Dir nicht in Form der Hamletfrage erscheinen; es werden Tagesfragen sein, die man selbstverständlich lösen muß, wie Du auch Deine heutigen Tagesaufgaben löst. Nicht die Frage, ob Du jetzt oder in einem Jahr zur Hachscharah gehen wirst, ist die wichtigste. Wesentlich ist die aufrichtige und eindeutige Entscheidung, die keine „Umstände" zu ändern vermögen.- Wärest Du in dieser Entscheidung sicher, dann würde ich keine Bedenken gegen eine Aufschiebung haben. Aber dies heißt, sofort mit einem ganz anderen Tempo sich der hebräischen Sprache zu widmen, sich in Allem schon heute innerlich so umzustellen, als ob Du bereits in der Hachscharah stündest. Ob Dir diese Umstellung in Deiner Wiener Umgebung möglich ist. weiß ich nicht.. Ich zweifle daran. Du sollst mir diesen Zweifel verzeihen .... Ich will keinesfalls die Schwierigkeiten der Chaluziuth in Deinen Augen verringern. Alles, was Du verbunden mit ungeheuren Anstrengungen siehst, ist wirklich so. Die Überwindung dieser Hindernisse hängt aber in vielem von dem Start ab: WTenn ich zu einer Barriere mit dem festen Entschluß komme, diese zu überspringen, wird es mir meistens gelingen, aber wenn ich mit Zweifeln und Skrupeln diese Barriere von allen Seiten beschaue und minutenlang ihre Höhe zu messen suche, werde ich sie wahrscheinlich nicht überspringen. Und noch ein letztes: .Die Hachscharah wird Dir leichter sein, wenn Du so weit wie möglich die allgemein objektiven Probleme in Dir lebendig hältst. Denke immer daran, was Dich zu diesem Schritt zwang und was Du von ihm in der Zukunft erwartest. Dann wirst Du den grauen Alltag mit seinen ermüdenden und oft häßlichen 172

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