Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr als der ländliche Arbeiter gerade in Palästina zum Klassenkampf prädestiniert, zutrifft, sei dahingestellt. Die bisherige Entwicklung scheint dem zu widersprechen. De Gedanke der Kwuzah ist andererseits aber zu umfassend, als daß er sich allein auf Dorf und Landwirtschaft beschränken ließe. Mit dem zahlen- und kräftemäßigen Wachsen der städtischen Kollektive entfällt in wesentlichen Punkten die Antithese Kwuzah- Stadt. Mir scheint, Du hast einen Schritt zu früh Halt gemacht. Nachdem Du — sei es aus Erkenntnis, — sei es aus innerem Drang, materielle Güter, Bequemlichkeit, geistige Anregung, und vieles noch aufgegeben hast, und in dem Lande lebst, in dem man so lebt wie überall, nur etwas schwerer, hättest Du auch den Weg des schwereren Widerstandes, der uns allein zum Ziele bringen kann, zu Ende gehen sollen: Aus der vermeintlichen Weite in die Enge einer klaren Entscheidung, für die Kwuzah. Hättest in Erkenntnis des uns objektiv Notwendigen das Dir subjektiv Nötige vernachlässigen sollen. Wir Übergangsmenschen können nicht zu viel von unserer Zeit und von unserem Leben fordern. — Unser Leben ist nicht Sinn an sich — ist Materie vor allem einer neuen Gestaltung der Dinge, die uns formen, die wir formen. Bebirkath Chawerim. Seew. Brief an eine Chawerah. ......Ich werde versuchen, auf Deine Fragen einzugehen. Du wirst es begreifen, wenn ich außer Deinen persönlichen auch andere Gesichtspunkte zur Lösung Deiner Probleme hinzuziehe. Nicht nur persönliche Erfordernisse, sondern auch die Nöte des Volkes, der Bewegung, müssen hier mitbestimmend werden. Und eigentlich nur im Lichte dieser Nöte wird die volle Lösung Deiner persönlichen Bedrängnis erst möglich. J. Ch. Brenner sagte einmal: „Um das neue Erez Israel für das Galulhvolk aufzubauen, müssen wir einen Menschentvpus haben, der von der Galuth innerlich befreit ist." Wie bekommen wir aber diesen Menschentypus in der Galuth? Das ist ein Zauberkreis, aus dem wir nur schwer herauszukommen vermögen. Wir brauchen junge Kräfte, die das Land aufbauen können und imstande sind, durch das Land ihr Leben neu zu gestalten. Was für eine Bedeutung haben schließlich die besten zionistischen Parteien in der Diaspora, wenn sie samt ihren Mitgliedern und Losungen in der Galuth bleiben? Unser wichtigster Kampf ist nicht der gegen die britische Administration oder gegen», irgendwelche äußere Kräfte. Wären wir wirklich unserer inneren Kräfte sicher, dann, wären wir auch in den schwersten Tagen. nicht ängstlich und unruhig. Unsere größte Tragödie liegt gerade darin, daß wir in diesen schweren Augenblicken zu zweifeln beginnen, ob wirklich hinter uns — den Wenigen, die schon im Lande sind — tausendealijahbereite und zur Alijah drängende junge Menschen stehen. Darum wirst Du auch verstehen, warum, ich auf Deine Frage keine andere als die klare und eindeutige Antwort habe: Bereite Dich zur Alijah vor! Ich werde auch in dieser Antwort nicht schwankend werden, wenn, mir gesagt wird; Manche werden an das» Ziel nicht gelangen. Ich rechne vielmehr damit und das bekräftigt mich in meiner Forderung an Dich. Das ist der Boden, auf dem meine Beziehung zu Deinen Fragen steht. Wir tragen in uns den „kategorischen Imperativ", jeden jungen jüdischen Menschen aufzufordern,, zur Alijah zu gehen. Daß wir die Berechtigung dieser Forderung in uns verspüren,, gibt uns das Piecht, hier unter Euch zu arbeiten. Und jetzt zu Deinen persönlichen Fragen: Sie sind nicht so persönlich, wie Du meinst. Sie sind auch nicht neu. Sie sind ein Produkt unseres anormalen jüdischen Daseins* Was bringt Dich denn zu den Alijahgedanken? Es ist doch nicht nur die Vorstellung' des Neuen und Schönen, das Du im Lande erwartest. Es muß auch eine negative Kraft sein, die Dich von hier treibt, die Dir Dein gegenwärtiges Leben unbefriedigend und widerspruchsvoll erscheinen läßt. Ich weiß nicht genau, wie Dein Leben in Wien aussieht, aber ich weiß, daß es Dich nicht befriedigt und das ist das Gute an Dir. Denn traurig ist es mit einem jungen jüdischen Menschen bestellt, der von einem Leben in Wien befriedigt ist. Dies wäre der äußerste Niedergang seines menschlichnationalen Ich. Es wäre jene Stufe der Erkrankung, auf der man nicht mehr merkt, daß man krank ist. Wir Juden sind alle irgendwie menschlich krank. Es gibt nur verschiedene Stufen: Bei einem Teil ist der Organismus noch kräftig genug, um die Krankheit durch Schmerz spürbar zu machen. Der Schmerz erweckt die Reaktion zur Tat. Manchmal aber ist die Krankheit schon so tief ins Innere eingedrungen, daß man die Fähigkeit, den Schmerz zu fühlen, verloren hat. Unser Ruf geht an diese, die noch den Schmerz spüren. Auch bei Dir ist das Streben zum Guten und Schönen im Lande, 171