Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3497353-3497367-3497372--650-3498103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wünsche und Sehnsüchte der Einzelpersönlichkeit, daß sie aber über diese nicht hinauszublicken vermag. Ich meine, es ist Gefahr vorhanden, daß aus der Brille der Kwuzah, die, wie Du meinst, Schwierigkeiten vertuscht und den Blick nur auf die schmale Bahn des eigenen Alltags fallen läßt, die Brille des Individuums wird, die über die Sehnsucht nach einem reichen und erfüllten Leben, die Sehnsucht des Volkes nach Grundlagen des Seins, nach Fundamenten einer neuen sozialen Ordnung in Vergessen geraten läßt. Gewiß kann man darüber streiten, ob der einzig wahre Weg der sozialistischen Zionisten der Weg in die Kwuzah ist. Es ist nur die Frage, unter welchen Gesichtspunkten man an die Beantwortung dieser Frage herangehen soll. Auch diejenigen, die in der Kwuzah den konsequenten Weg der chaluzischen Jugend sehen, sind sich bewußt, daß nicht hundert Prozent der jüdischen Jugend zur Kwuzah kommen werden, ebenso, wie wir wissen, daß die Forderung der Chaluziuth eine zu schwere ist, als daß sie positiv von mehr als einer Minderheit der jüdischen Jugend aufgenommen wird. Wird dies aber der Anlaß sein, schwächer, weniger intensiv, weniger überzeugt für den Weg zur Kwuzah einzutreten? Allerdings wird man dies nur tun können, wenn man neben den subjektiven Werten des Kwuzahlebens, die Du so stark in den Vordergrund rückst, auch aus einer objektiven Erkenntnis heraus den Weg der Kwuzah geht. Hier müßte vielleicht gezeigt werden, welche entscheidende Rolle die Kwuzah in der Geschichte der Arbeiterkolonisation gespielt hat, hier müßte von der Kwuzah als der bindenden Aufnahmeform für den einwandernden Chaluz gesprochen werden, von ihrer Bedeutung als Zelle eines neuen, dem Sozialismus sich nähernden Lebens, aber auch des Klassenkampfes, der Palästina schon nicht mehr fremd ist. Es müßte besonders die Rede sein von dem Kibbuz, dieser spezifischen aus der Kwuzah gewachsene Lebens- und Wirtschaftsform, seiner Aufgabe und seiner Bedeutung. All dies kann im Rahmen dieser kurzen Erwiderung nicht ausgeführt werden. Gesagt soll nur sein, daß, in der Kwuzah nur eine Quelle individuellen Glücks und persönlicher Befriedigung sehen, die Kwuzah unter allzu engem Gesichtswinkel sehen heißt. Von einer solchen Anschauungsweise her wird es freilich verständlich, daß man Festlegung ablehnt, ja sogar schon in einem solchen Brief wie dem beanstandeten, die Gefahren der gefürchteten Enge sieht. Dabei soll die Tatsache gar nicht übersehen werden, daß manche Menschen aus inneren Gründen nicht in der Kwuzah leben können. Ich will hier nicht zu analysieren versuchen, woher diese Unmöglichkeit stammt. Ich will annehmen, daß, wie- Du es schreibst, das Leben in der Kwuzah etwas der eigensten Art dieser Menschen Entgegengesetztes ist. Ich kann in dieser Erscheinung nichts anderes, als die Schwierigkeiten des Prozesses sehen, dem sich der mehr oder minder entjudete Westler, der dazu noch häufig durch seine ganze Vergangenheit weniger bereit, weniger im stände ist, sein individuelles Leben im Kollektiv zu gestalten, im Lande zu unterwerfen hat. Es ist ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, daß die ostjüdischen Chawerim der Kwuzoth nichts geopfert hätten, daßkein Individualismus unter ihnen herrsche, mit einem Wort, daß das Leben der Kwuzah das ihnen gemäße sei. Aus den objektiven Notwendigkeiten des Landes, nicht aus utopischen Gemeinschaftsvorstellungen heraus, ist die Kwuzah gewachsen und die objektiven Notwendigkeiten des Landes brachten auch unsere Chawerim aus Rußland zur Kwuzah. Wer nur hineingesehen hat in die Geschichte der Kwuzah. weiß die Gesch'chte welchen Kampfes, welcher heroischen Überwindungen sie ist. Und zu diesem Kampf ruft man uns auch heute von drüben auf, weil man glaubt, daß auch der Boden der Kwuzah einer der Kampfplätze ist, auf dem das Ringen mit der Macht der alten, zum Untergang verurteilen, Welt vor sich geht. Für uns aus dem Westen ist aber die Kwuzah noch von besonderer Bedeutung. An uns, die wir mit unserem Anschluß an die Arbeiterschaft auch wieder zum jüdischen Volksganzen finden wollen und müssen, ergeht jener Ruf mit besonderer Dringlichkeit. Mit unserer Alijah ist die Lösung der tiefen Problematik unseres gesellschaftlich und jüdisch atomisierten Seins noch nicht gegeben. Auch im Lande kann man das Leben eines Versprengten führen. Das Schicksal um die Zukunft der jüdischen Jugend ist uns zu teuer, als daß wir es jedem einzelnen überlassen könnten, sich seinen Platz im Lande, zu suchen. Es ist vom großen Ganzen aus gesehen, nicht belangvoll, ob der einzelne irgendwo in der Stadt ein befriedigendes Leben in der Arbeit führt. Es ist wichtig Wege zu finden, die der jüdischen Jugend die Richtung zur Zukunft, zum Umbruch des Alten zeigen. Das tut in der Regel die Kwuzah, das tut ein Leben als Einzelmensch in der Stadt in der Regel nicht. Dies alles bedeutet natürlich keine Negierung der Stadt und der städtischen Arbeit. Ob allerdings die Behauptung, der städtische Arbeiter sei 170