Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-10-01 · Heft 5 (Oktober 1930) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 5 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497372--649-3498102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

behaupte sicher nicht, den einzig wahren Weg zu gehen. Ich glaube, das Leben hier ist für alle schwer, wir müssen alle hart arbeiten, uns den Bedingungen des Landes anpassen und auf vieles verzichten. Ich meine, man darf nicht verschweigen, daß es hier sehr schwer ist, daß jeder ärmer lebt, ärmer an materiellen Gütern, an Bequemlichkeit, an geistiger Anregung und an vielem noch. Es darf nicht verschwiegen werden, daß wir auch hier ein rechtloses Volk sind; daß wir auch hier eine Minderheit sind. Für mich ist die Überzahl und die unüberbrückbare Fremdheit der Araber früher nie erfaßbar gewesen. Mir war auch nicht klar, daß die Kwuzoth untereinander ideell und materiell sehr unterschieden sind, daß viel Ungerechtigkeit herrscht, daß in Palästina leben heißt — genau so leben wie überall, nur oft etwas schwerer, und niemals darf man meinen, daß dies ein Opfer ist, niemals von dem heroischen Leben der Chaluzim sprechen. Ich denke, es ist unser freiester Wille, hierher zu gehen und hier zu leben, ich glaube, daß wir an wenig Stellen der Erde ebenso uns gemäß leben können wie hier, und jeder Mensch, der nach Palästina geht, tut es um seinetwillen, weil er so handeln muß, seinem Wesen entsprechend. Ich finde dies Land so überwältigend schön, ich finde trotz allem das Leben so reich und vielgestaltig, ich bin jeden Tag glücklich, hier zu sein. Ich denke, daß jeder uns beneiden muß, daß wir den Egoismus aufgebracht haben, hier ein volles und neues Leben zu führen. Wir erfüllen unsere Aufgaben aber nur dann, wenn wir sie in gegenseitiger Freiheit tun, wenn wir anerkennen, daß jede Arbeit hier nicht nur dem Einzelnen, sondern dem Volk als Ganzen dient, wenn wir wissen, daß dies unser Weg zur inneren und nur dadurch zur äußeren menschlichen und materiellen Freiheit und Sicherheit ist. Und wenn wir nicht vergessen, daß wir als arbeilende Menschen uns verbinden mit aller Arbeit, mit allen produktiv Schaffenden. Haifa. Hilde Hochwald. Replik* Liebe Hilde Hochwald! Vielleicht ist es auch von mir anmaßend, wenn ich als einer, der nie Palästina sah, weder die Kwuzah, noch andere Formen palästinensischen Lebens, versuche, Dir zu Deinem Brief etwas zu sagen. Es scheint mir jedoch etwas in Deinem Brief zu liegen, was nicht so sehr einer Antwort, die von der Bedeutung der Kwuzah spricht, bedarf, als überhaupt einmal einer grundsätzlichen Überlegung- Du hast den Brief Alfred v. d. Waldes in der Nummer 6/1 mit viel Staunen ob der Sicherheit seiner Beurteilung gelesen. Der Brief schien Dir auch wieder die Richtigkeit Deiner Anschauung zu erweisen, daß wir kein Recht haben, vor allem junge Menschen über die Lage im Lande immer nur durch die Brille des Kwuzah zu informieren und die Schwierigkeiten des Lebens in Palästina zu vertuschen. Man kann darüber streiten, ob Deine Kritik gerade an dem Briefe Alfreds berechtigt ist. Daß in dem Brief Schwierigkeiten vertuscht werden, daß der Schreiber nur die Kwuzah als mögliche, richtige, und wertvolle Lebensform hinstellt, geht mir aus dem Brief selber keineswegs hervor. Daß gar in dem Brief eine Ansicht deutlich wird, die den Menschen der Bewegung die . Kwuzah als Lebensform vorschreibt, unter der Strafe, bei Nichlbefolgung der Vorschrift keine anständigen Menschen zu sein, diese Annahme hat im Brief selber sicherlich keine Anhaltspunkte. Vielleicht aber ist es wichtiger, als an den verschiedenen Punkten unberechtigte Kritik zurückzuweisen, sich gegen eine gewisse Retrachtungs- und Anschauungsweise zu wenden, die Deinem Brief, aber nicht nur Deinem Brief eigentümlich ist. Was ich meine, ist die Scheu vor einer vermeintlichen Enge, ist die Scharfsichtigkeit, mit der man allenthalben über die Kurzsichtigkeit beim anderen wacht. Es wird zwar gutgeheißen, daß man in der Kwuzah lebt und arbeitet, Vorzüge und Werte der Kwuzah werden zwar — wenn auch, wie mir als einem Außenstehenden scheint, von einem reichlich weit außenliegenden und übertrieben ichbezogenen Standpunkt aus gesehen — anerkannt. Aber in der Kwuzah mehr sehen als den Ort, an dem „man glücklich ist", (was, selbst die Relativität dieses Zustands in Betracht gezogen, bei vielen auch der heftigsten Vorkämpfer der Kwuzah bezweifelt werden muß), mehr als eine wunderbare Form des Lebens, nämlich etwas über die Befriedigung des Ich hinaus Verpflichtendes, das ist verpönt. Das ist Enge, das heißt, Zustände nur durch die Brille der Kwuzah sehen, heißt, unverantwortliche Forderungen an die Jugend stellen. Dabei muß es doch Dir selber fraglich sein, liebe Hilde Hochwald, ob Du uns mit Deiner Ablehnung der „Brille" die uns so sehr mangelnden Weite des Blicks geben kannst. Trotz eifrigen Bemühens konnte ich sie auch bei Dir nicht finden. Ist es nicht so, daß die Anschauung, die Du der unseren — allzu engen — entgegensetzt, weit nur ist in der Beurteilung der 169

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.