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Der junge Jude · 1930-10-01 · Heft 5 (Oktober 1930) · page 26

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 5 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Es war ikein ganzes Gefühl der Befriedigung, das der Bundestag uns gab. Daß er in wesentlichen Fragen Klärung brachte, konnte nicht voll gewürdigt werden, denn andere wesentliche Fragen blieben unbesprochen. Manche positiven Ergebnisse der Diskussion auch kamen kaum zur Göltung, weil die Aussprache es oft an dem Ton der .Kameradschaftlichkeit mangeln ließ. In jeder Hinsicht haben wir von dem verflossenen Bundestage zu leimen: Uber «sachliche Meinungsverschiedenheiten das alle umschließende Band des Bundes nicht zu vergessen, neben den politischen Fragen nicht die spezifischen Erziehungsaufgaben zu kurz kommen zu lassen und auch im Widersturm der Meinungen und Gegensätze das schöpferische Element zu empfinden, dies alles kann uns der Bundestag auf dem Hohen Meißner nahebringen. AUS DER BEWEGUNG Brief aus Palästina. Im Gegensatz zu den Chaluzim, die als Mitglieder einer Kwuzah von hier nach Deutschland berichten, möchte ich heute einmal als einzelne von hier erzählen. Ich arbeite als Leiterin eines Heimes für Kinder arbeii ender Mütter in der Stadt. Ich lebe gewiß nicht abseits vom jüdischen Volk, gewiß nicht abseits von der palästinensischen Arbeiterschaft. Man kann darüber streiten, ob der einzig wahre Weg der sozialistischen Zionisten der Weg in die Kwuzah ist. Auch ich wollte ihn gehen und bin teilweise nur aus Zufall, teilweise aus eigenem Willen in der Stadt geblieben. Ich habe allerlei im Lande gesehen, ich habe viel Menschen gesprochen, bin in den verschiedensten Kwuzoth gewesen, und obwohl ich weiß, daß es eine Anmaßung ist, nach einem halben Jahr überhaupt etwas über Palästina zu sagen, will ich es doch versuchen. Wenn ich von uns spreche, so meine ich die west jüdischen — oder zumindest stark wesl jüdisch beeinflußten Menschen, die durch die sozialistische Jugendbewegung (sagen wir z. B. J. J. W. B."> in das Land gekommen sind. Die Veranlassung, überhaupt zu schreiben, gibt mir der Brief von A. v. d. Walde aus Rechowolh. den ich wirklieh sehr aufmerksam, mit viel Bewunderung seines Mutes, mit viel Staunen ob der Sicherheit seiner Beurteilung gelesen habe. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir kein Recht haben, im Interesse Palästinas die Schwierigkeiten des Lebens zu vertuschen und daß wir vor allem junge Menschen über die Lage des Landes und der Menschen nicht immer nur durch die Brille der Kwuzah informieren dürfen. Die Gewohnheit einiger Gruppen und insbesonders auch der Menschen des J. J. W. B., nur diese eine Form des Lebens als möglich, richtig und wertvoll hinzustellen, empört mich immer wieder. Warum will man denn hier, wo junge Menschen in Freiheit sich eine Zukunft bauen wollen, von vornherein jedem vorschreiben: „nur so bist und bleibst Du ein anständiger Mensch", Wer gibt Euch das Recht, Mensehen, die ihrer Veranlagung nach anders sind, anders leben müssen, in anderer Weise nützen können, den Mut zu sich selbst zu nehmen, den Weg hier zu arbeiten, zu versperren? Ich glaube den Menschen in Kwuzoth, daß sie glücklich sind, ich glaube ihnen, daß es für sie der einzig wahre Weg ist. Aber vielleicht sehen sie nicht, wie ich es in dem großen Kreis meiner alten Freunde aus Deutschland sehe, wie schwer der Weg der Kwuzah für diejenigen ist, die entgegen ihrer eigensten Art in die Kwuzah gegangen sind und dann — „weil sie nicht mehr konnten" — Antizionisten geworden sind, unglückliche, unzufriedene, unproduktive Menschen. Und glaubt ihr, ernsthaft, die Kwuzah sei die einzig wahre Form sozialistischen Lebens? Ich glaube dies nicht. Ich glaube, daß der Kampf um die Existenz des Einzelnen, das Einsetzen der ganzen Kraft um des eigenen, um des ganzen Lebens willen, oft viel aufrichtiger ist, oft viel stärker den Menschen hineinstellt in den Kampf, der hier wie überall ausgetragen werden muß. Wir wären ein totes Volk, wenn nicht in uns, wie überall in der Welt, die gegeneinander reibenden und treibenden Kräfte der Gesellschaft — der Klassen — lebendig wären. Ich glaube, daß die Kwuzah eine wunderbare Form des Lebens ist; ich bin immer wieder überwältigt von der Stärke und Lebendigkeit dieses neuen Lebens. Man kann mir jetzt vorwerfen, ich verstünde davon nichts, und ich müßte erst einmal mit ihnen leben. Richtig, aber ich 168

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