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Der junge Jude · 1930-10-01 · Heft 5 (Oktober 1930) · page 19

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 5 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 19)
Language
German
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rufsberatung und Berufspolitik zu legen. Wenn die vorhandenen wirtschaftlichen Kräfte der Gemeinde auch keineswegs dazu ausreichen, um; abgesehen von der Hilfe des Staates, alle Wirtschaftsnot der Juden zu lindern, so kann doch durch eine planmäßige Berufspolitik der Entstehung künftiger Wirtschaftsnot in erheblichem Maße vorgebeugt werden. Es ist ohne weiteres deutlieh, daß in diesem Kähmen die 'berufliche Vorbereitung für Palästina einen besonderen Rang besitzt. Es wäre gänzlich verkehrt, wollte man von der Bewertung der wirtschaftlichen Kräfte in der sozialistischen Theorie ausgehend, die kulturelle Gemeindearbeit als minder wichtig ansehen. Auch hier müssen wir uns erinnern, daß die jüdische Gemeinde eben nur in sehr bedingtem Umfange Subje&t der Wirtschaft ist, daß sie ihrem Wesen nach weitgehend eine kulturelle Institution ist und daß der sozialistische Kampf auf eine volle Entwicklung derartiger Institutionen gerichtet sein muß. Das spezifische Moment sozialistischer Gemeindearbeit auf kulturellem Gebiete besteht darin, das einzelne Gemeindemitglied, unabhängig von der Frage seiner wirtschaftlichen Kräfte, zu einem vollberechtigten Teilhaber und Nutznießer dieser Kulturarbeit zu machen. Das hat einen doppelten Sinn: Der jlüdiseihe Proletarier in unserer Zeit ist derjenige, der am allerstärfcsten der Gefahr der Assimilation ausgesetzt ist. Wir haben uns daran gewöhnt, von „roter Assimilation" zu sprechen und meinen damit die massenhafte Flucht von proletarischen Menschen aus dem Judentum. Wenn von jüdischer Kulturarbeit gesprochen wird, darf nicht gemeint sein, diese Menschen ihres proletarischen Bewußtseins zu berauben. Es muß vielmehr erstrebt werden, verständlich zu machen, daß proletarisches Bewußtsein und jüdischkulturelle Inhalte sich miteinander vertragen. Auf der anderen Seite ergibt sich aus der Forderung der vollberechtigten Teilhabersclhaft des jüdischen Proletariers an der jüdischen Kultur die sozialistische Forderung, dem einzelnen jungen Menschen diejenige Schulbildung zu geben, die er seiner intellektuellen Fähigkeiten nach verdient. Die Klassenschranke der Bildung muß auch auf dem Gebiete der Kulturarbeit der jüdischen Gemeinden überwunden werden. Das wichtigste Gebiet solcher Kulturarbeit ist die jüdische Schule. Die jüdische Schule muß ihres theologischen und teilweise antiquierten Charakters entkleidet werden. Die neue Schulform, die sich auf der Grundlage des Arbeitsschulunterrichtes und des Gesamtunterrichtes, der Schülerselbstverwaltung entwickelt hat, muß auch für die jüdische Schule erobert werden. Dabei ist ein geistesgeschichtlich wichtiger Umdenkungsproizeß zu vollziehen: Das jliidische Kulturgut muß aus der Sphäre eines unlebendigen Religionsunterrichtes zum alktuellen Mittelpunkt des Denikens und Wollens jüdischer Menschen werden. Soziale Zustände in der jüdischen Geschichte müssen derselben Kritik unterzogen werden, wie das soziale Leben um uns herum. Das jüdische Kulturgut darf nicht länger unverarbeitet neben dem in einem dauernden Prozeß befindlichen Wissen des Schülers um sonstiges Leben stehen. Auf der jüdischen Schule, deren Anerkennung von Seiten der Sozialdemokratie noch gewisse Schwierigkeiten entgegenstehen, muß sich ein umfassendes Bildungs- und Erziehungswerk für die Schulentlassenen aufbauen. Auch dieses Bildungswerk wird, wenn 161

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