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Der junge Jude · 1930-10-01 · Heft 5 (Oktober 1930) · page 18

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 5 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Viel bedeutungsvoller als auf dem Gebiete der Wirtschaft ist der Einfluß sozialistischer Gemeindepolitik auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik. Hier befindet man sich außerhalb des Zug- und Druciksystems der Wirtschaft, im Gebiete der sogenannten Widmungsiwirtschajft, in dem außerkapitalistisohe Erwägungen eine viel größere Rolle spielen, in dem die Verwirklichung sozialistischer Grundsätze bedeutend leichter ist. Allerdings ist es auch ihier erforderlicih, die Aufgalbengebiete der jüdischen Wohlfahrtsarbeit von denen der allgemeinen Wohlfahrtsarbieit abzugrenzen. Aber gerade hier erscheint es möglich, außer der Hilfe für diejenigen, die von der öffentlichen Wohlfahrtspflege gar nicht oder nur unvollkommen betreut werden, eine zusätzliclhe Hilfe von besonders ausgeprägtem sozialistischem Charakter zu organisieren. Das spezifische Merikmal dieser sozialistischen jüdischen Wohlfahrtspflege wird einmal das Moment der Produktivierung, das andere Mal die Verdrängung des philantropischien Charakters unserer Wohlfahrtspflege sein. Dabei muß man wissen, daß die Gefahr der Philantropie nicht nur bei den sogenannten ehrenamtlichen Wohlfahrtsarbeitern vorhanden ist, sondern daß sie auch bei beamteten Wo/hlfahrtspflegern nicht ausgeschlossen ist. Innerhalb der öffentlichen Wohlfaihrtspflege und besonders innerhalb der „Arbeiterwohlfahrt" stoßen wir beute schon auf ein erfreulidhes Gefühl der Solidarität zwischen Helfern und Hilfsbedüirftigen, beide wissen, an einem gemeinsamen Werke gesellschaftlicher Erneuerung teilzuhaben. Dieses Bewußtsein ist innerhalb der jüdischen Wohlfahrtspflege noch kaum lebendig. Wir verlkennen dabei nicht, daß ein großer Teil der Hilfsbedürftigen, insbesondere der älteren Generation, keineswegs für 'das eigene Leben ein Ideal in solcher Solidarität auf Grund eines gemeinsamen Willens zur gesellsehaftliclhen Erneuerung sieht. Weite Teile der Hilfsbedürftigen sind an die Vorstellung einer kleinbürgerlichen Existenz als eines Idealizustandes fixiert und würden es weit von sich weisen, Teile einer gesellselhaftserneuernden Bewegung werden zu sollen. Aber auf der anderen Seite sind, besonders in den Großstädten, wichtige Gruppen der hilfsbedürftigen Bevölkerning vorhanden, deren Lebenskraft, deren Entwicklung zur Selbständigkeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit gerade dadurch hintangehalten wird, daß den Fürsorgern als einzige mögliche Lebensform das Ideal einer kleinbürgerliehen Existenz vorschwebt. Hier hört die Hilfsbedürftigkeit „nimmer" auf, da Fürsorger und Befliirsorgte den entscheidenden Schritt in die einzige zur Selbständigikeit führende Lebensform des Lohnarbeiters nidht wagen. Daß der Gedanke der Produktivierung, das heißt der Zuführung zu denjenigen Berufen, für die heute noch eine gesellschaftliche Notwendigkeit besteht, ein besonderes Merikmal gerade einer sozialistischen Auffassung den Wohlfahrtspflege ist, bedarf keiner Hervorhebung. In diesem Zusammenhange sei noch darauf hingewiesen, daß eine wirkliche geistige Umwälzung der leitenden Gedanken der jüdischen Wohlfahrtspflege nur auf Grund einer breiten Gesinnungsgemeinschaft von sozialistischen Menschen sich vollzidhein kann, die sich in ihrem Kampfe für neue Formen auch in den Gemeindeparlamenten vertreten fühlen. Innerhalb der Wohlfahrtspflege ist dalber der größte Nachdruck auf die Entwicklung des Arbeiternachweiswesens, der Bct 160

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