Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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tiger als dies ist aber der Versuch, die grundsätzliche Vereinbar&eit zwischen Judentum und Sozialismus darzutun. Es muß deutlich werden, daß auch für die Gallith ein bewußtes Eintreten für den Sozialismus mit einer positiven jüdischen Haltung sieh verträgt. Alle Schwierigkeiten, die dem Verständnis des jüdischen Sozialismus in den Reihen der Sozialisten in Deutschland entgegenstehen, müssen einmal offen ausgetragen und überwunden werden! Hier sind zwei Wege -denkbar: Es ist einmal möglich, auch den jüdischen Sozialismus in die Gedankenwelt des religiösen Sozialismus einzuordnen. Das kann selbstverständlich niemals Programmpunkt einer sozialistischen Gemeindearbeit sein. Es könnte nur daran gedacht werden, auch innerhalb der jüdischen Gesellschaft vorhandenen Kräften eines religiösen Sozialismus zur Darstellung zu verhelfen. Ob dies im einzelnen geschehen kann und geschehen soll, ist naturgemäß davon abhängig, ob der Einzelne, der sich der Gedankenwelt des religiösen Sozialismus anschließt, diese von sich aus bejaht. Es mag dabei angemerkt werden, daß es bisher wohl noch nie versucht worden ist, diesem religiösen Sozialismus einen spezifischen jüdischen Gehalt zu geben. Ob eine solche besondere jüdische Auffassung des religiösen Sozialismus möglich und sinnvoll ist, soll hier ununtersueht bleiben. Für ein politisches sozialistisches Gemeindeprogramm kommt aber der religiöse Sozialismus als Gesamtforderung nicht in Frage. Hier kann immer nur eine solche Rangordnung vorgenommen werden, die die Frage der Erhaltung der Lebenden am Judentum als oberstes Gesetz der Gemeindearbeit anerkennt. Entsprechend der sozialistischen Auffassung über das Wirken der wirtschaftlichen Kräfte innerhalb der Gesellschaft, werden wirtschaftliche und soziale Bestrebungen in der Gemeindearbeit einen wichtigen Rang einnehmen. Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Gemeinde als gestaltender Faktor des Wirtschaftslebens nur eine relativ geringe Bedeutung hat. Die Gemeinde ist zwar heute schon, besonders als Großgemeinde, Arbeitgeber und Unternehmer. Eine Anzahl von Beamten, Angestellten und Arbeitern verdienen bei der Gemeinde ihren Lebensunterhalt; bei der Ausführung von Bauten, Unterhaltungen der Friedhöfe tritt die Gemeinde als Unternehmer auf. Hier besteht also eine unmittelbare Möglichkeit der Einflußnahme auf einen — allerdings sehr begrenzten — Ausschnitt des Wirtschaftslebens. Es versteht sich von selbst, daß es Aufgabe einer sozialistischen Gemeindepolitik ist, die Beziehungen der Gemeinde als Arbeitgeber nind Unternehmer den Forderungen des Sozialismus entsprechend zu gestalten. Darüber hinaus wird gerade in unseren Tagen versucht, von Gemeinde wegen einen Einfluß auf Jüdische Arbeitgeber dahin zu nehmen, daß sie jüdische Arbeitnehmer einstellen. Wir glauben, daß diese Bestrebungen angesichts der Massennot, insbesondere der jüdischen Angestellten, nidht entbehrlich sind; wir ikönnen uns aber nicht verhehlen, daß hier, wo jedes Zwangsmittel fehlt, wo wir nur an das gute Gewissen des Arbeitgebers appellieren können, die Möglichkeit einer Einflußnahme gering ist. Allerdings darf der Wille, über einen Appell an den jüdischen Arbeitgeber, dem jüdischen Arbeitnehmer zu helfen, nicht so weit gehen, dem Arbeitgeber statt eines tariflich bezahlten niebtjüdisehen Arbeitnehmers einen untariflich bezahlten jüdischen Arbeitnehmer zu vermitteln. 159