Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Menschen der zweiten Sorte schaffen nicht, ans Furcht, ihre Prinzipien zu gefährden. Das Gebiet der jüdischen Gemeindearbeit erfordert stets und besonders jetzt eine wirklich sozialistische Durohdenkung und Durchdringung. Die jüdische Gemeinde von heute hat politische, kulturelle, soziale und religiöse Funktionen. Sie kann aber längst nicht mehr in Anspruch nehmen, Mittelpunkt aller Lebensintieressen ihrer Glieder zu sein. Man muß aber wissen, daß die Gemeinde selbst bei höchster Ausbildung ihrer Funktionen nur einen Teil des Lebens ihrer Glieder erfassen kann. Das wäre anders, wenn die jüdische Gemeinde die Körperschaft einer jüdischen nationalen Minderheit wäre, was sie im Osten «vielleicht sein (könnte. Die Juden in Deutschland können und wollen aber wegen ihrer geringen Zahl, wegen ihrer örtlichen Zerstreutheit und wegen des Fehlens eines jüdisch-nationalen Bewußtseins bei weiten Teilen des deutschen Judentums die Eechte einer nationalen Minderheit nicht beanspruchen. Die jüdische Gemeinde ist ebensowenig der gleichen Art wie eine christliche Kirchengemeinde wie die jüdische Gemeinschaft nicht nur eine Eeligionsgemeinschaft ist. Die jüdische Gemeinde in Deutschland ist heute de jure Eeligionsgemeinde, de facto ist sie ein Mittelding zwischen Eeligionsgesellsohaft und Organisation einer nationalen Minderheit. Gerade die Erkenntnis, daß .die jüdische Gemeinde ein Mittelding zwischen Eeligionsgemeinde und Organisationsform einer nationalen Minderheit ist, daß sie Züge von beiden Institutionen aufweist, muß die richtige Stellung zu den religiösen Fragen vorschreiben. Es ist undenkbar, daß ein Sozialist, der zur regiliösnationalen Körperschaft der jtiidischen Gemeinde gehört, sich dagegen wendet, daß sie auch die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder befriedigen will. Der sozialistische Standpunkt gebietet aber dabei zweierlei: Über die religiösen Fragen, oder genauer, die Fragen des Gottesdienstes und des Kults sollen nur die unmittelbar daran Beteiligten entscheiden rand der finanzielle Aufwand hierfür soll in einem richtigen Verhältnis stehen einmal zu der Zahl der an religiösen Einrichtungen Beteiligten im Verihälntis 'zur Zahl aller Gemieindemitglieder, auf der anderen Seite soll die Dringlichkeit der religiösen Aufgaben verglichen werden mit der Dringlichkeit der übrigen Aufgaben der Gemeinden. Wir wissen, daß sich gerade in bezug auf den letzten Gesichtspunkt keine genauen Proportionen aufstellen lassen. Entsprechend dem Satze des Erfurter Parteiprogramms, daß Eeligion Privatsache sei, werden wir es als Vertreter einer sozialistischen Gruppe stets ablehnen, in religiösen Fragen Stellung zu nehmen, wir werden vielmehr, entsprechend den oben dargelegten Grundsätzen, die Stellungnahme in diesen Fragen der Gemeindevertretung als solcher entziehen und sie den unmittelbar daran Interessierten, in besondere Kultuskommissionen, überweisen. Außer dieser negativen Feststellung wird die wichtigste Grundlage sozialistischer Gemeindepolitik die folgende Erwägung sein: Es muß zunächst einmal für die jüdische und für die sozialistische Welt sichtbar die Synthese zwischen bewußtem Judentum und Sozialismus vollzogen werden. Die einseitige Auffassung der jüdischen Gesellschaft als einer ausschließlichen Gruppe der Bougeoisie muß auch für Deutschland überwunden werden. Wich- 158