Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 5 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zweige — Landwirtschaft und Industrie — sind dem jüdischen Arbeiter fast völlig verschlossen. Die jüdische Arbeit ist auf das Handwerk uöid auf entlegene Zweige der Industrie beschränkt. tDie erbärmliche Lage der Arbeit hat notwendigerweise die Stellung des Arbeiters 'geschwächt und seinen Horizont beschränkt. Nur in Amerika, wo in Folge einer Massenimmigration eine Massenproletarisierung eintrat, gelang es dem jüdischen Arbeiter, sich eine bedeutende, nahezu zentrale Stellung in der jüdischen Gesellschaft und Presse zu sichern. Aber auch dort gerät -diese Stellung immer mehr ins Wanken in Folge der Deproletarisierunig., die mit dem Versiegen des IimmiigrationSiStromes stark zunimmt. In den osteuropäischen Ländern gelang es dein jüdischen Arbeiter nicht ein einziges Mal zu einer nationalen Kraft zu werden. Manchmal, i.n revolutionären Perioden, erfüllte der jüdische Arbeiter eine wichtige Pionieraufgabe inmitten der allgemeinen Arbeiterbewegung, aber sein Einfluß auf das Leben des jüdischen Volkes war immer schwach und unbedeutend. Der Einfluß des jüdischen Arbeiters igiing kaum über den Rahmen seiner Partei und Gewerkschaft hinaus. Der nationale Horizont der jüdischen Arbeiterbewegung, wie sie im „Bund" — der jüdischen Arbeitermassenorganisation in Osteuropa — zum Ausdruck kam, w<ar und blieb eng unvd begrenzt. Auch jetzt, nach 30 Jahren ihres Bestehens, ist es ihr nicht gelungen, ihren Horizont über ihre beschränkten Interessen hinaus zu erweitern und dies in einer Zeit, wo die Arbeiter der Nachbarvölker zu einer einflußreichen oder sogar herrschenden nationalen Kraft geworden sind, wo sie das historische Schicksal ihrer Völker grundlegend geändert haben. Die nationale Renaissancebeweigung, die im Leben des jüdischen Volkes weite Kreise zog, berührte lange Jahre den jüdischen Arbeiter fast gar nicht. Nicht nur, daß der Arbeiter es nicht verstand, sich an ihre 'Spitze zu stellen, es gelang ihm auch nicht, in ihr festen Fuß zu fassen und sich selbst mit ihr zu heben. Die umfangreiche, die massenerfassende politische Tätigkeit «der Nation, die ab und zu bei historischen Gelegenheiten geleistet wurde, wurde nicht vom Arbeiter, sondern vom Bürger geleitet. Inmitten eines Volkes, dem das Land fehlt, dem ein eigenstaatliches Leben und eine feste wirtschaftliche Grundlage genommen sind, konnte sich der jüdische Arbeiter nicht auf die Höhe einer führenden und Richtung gebenden Klasse erheben. Er gelangte nicht einmal auf die Stufe einer innerlich geeinigten Klasse. Die jüdische Arbeiterbeweigiung im größten Judenzentruim Osteuropas — in Polen — ist bis heute sowohl auf politischem wie auch auf gewerkschaftlichem Gebiete zerrissen und gespalten geblieben. Ohne nationalen Horizont, ohne historische Verantwortung für das Schicksal des Volkes, ohne ernste Sorge um die Zukunft, hatte die jüdische Arbeiterschaft nicht den erforderlichen gedanklichen und moralischen Zusammenhang, um zu einer Einigung (gelangen zu können. Die gedankliche, politische und gesellschaftliche Hegemonie im Leben des Volkes und der Gola blieb in der Hand des jüdischen Bürgers. Nicht nützte dem Arbeiter sein ganzer sozialer Pathos — er blieb vereinsamt und abgeschlossen in dem durch die schwankende Arbeitsgrundlage des Volkes enigen und beschränkten Rahmen seiner Klasse. 150