Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeiten des Auf stieges der Beaktion, wenn man den Glauben än! das Nene verliert. Die Müdigkeit macht reuebereit, man findet plötzlich viel Nachsieht für das Vergangene, man sehnt sich nach, der Zärtlichkeit der Dämmerung. In Epochen einer gesellschaftlichen Aufwallung oder in Zeitein eineis rasch vorwärtsschreitenden Aufbaues drängen alle Gefühle zur Zerstörung des Alten und zum Erlebnis des neu Geschaffenen. In solchen Epochen ist die Sehnsucht zum „stabilen" Sein gering. Nur wenn das Tempo des Aufbaues sich verzögert, die Hindernisse größer werden als man vermutete, die Enttäuschung und die* Müdigkeit an die Türe klopft, nur dann kommt die Sehnsucht zu sicheren und bewährten Lebensformen. Es kommt manchmal noch Schlimmeres vor: In Stunden der Verzweiflung und der Ohnmacht, wenn sich die Unmöglichkeit offenbart, das Leben stürmisch nach unserem Wunsch, und Streben zu formen, verliert oft der Mensch den Glauben an die Vernunft überhaupt und wendet sich, zu anderen Welten, zum Unfaßbaren, zu höheren Kräften, zum Mysterium. Die Ohnmacht fängt an die aufbauende und befreiende Vernunft zu verhöhnen, seelische Gegensätze, Komplikationen und Tragödien zu meistern, um sich selber eine würdevolle Rechtfertigung zu schaffen. Das ist eigentlich der wahre Grund der Lust am Komplizierten, Hier müssen wir die Wurzel der Sehnsucht zu der Vergangenheit, die betonte Achtung vor dem Irrationelen in dem Leben des Einzelnen und der Gesellschaft suchen. Unsere Bewegung ist die Frucht von tiefgebenden Umwälzungen im Leben des Volkes. Sie ist das Ergebnis der Zerstörung des erbärmlichen und elenden Seins der Juden in der Diaspora. Aus der Euine eines völlig zertrümmerten und verwahrlosten Judentums sind wir entwurzelt und zur Eroberung eines brachliegenden Landes gedrängt worden. Das objektive jüdische Geschehen (hat uns zu Trägern neuer Formen gewacht. Wir sind vor ungeheure Wandlungen in der Arbeit und im Leben gestellt worden. Wir kämpften mit wüsten Sümpfen, mit der widerspenstigen Natur, mit unseren eigenen Gewohnheiten und Schwächen und haben heute manchen Sieg zu verzeichnen. Nicht klein ist das seelische Vermögen, das wir hier in dem Kampf um den Aufbau, auch in dem Kampf um den Aufbau der Lebensformung, erworben haben. Dieses Sein, diese Gemeinschaftsart, die wir uns erkämpft haben, ist kein nebelhafter Begriff, der in weiten Himmeln schwebt, es ist eine tagtägliche Wirklichkeit, die wir immer um uns sehen: der Gestaltung der Arbeit, in der KKiche und gemeinsamen Mahlzeiten, in den Beziehungen der Kameraden, im Familienleben und in der Erziehung unserer Kinder. Es sind feste Grundlagen. Und doch kommt manchmal diese Sehnsucht zu „sicheren Lebensformen", zum Geborgensein. Dieses unklare Geflühl der Verwirrung, dieses schmerzliche Empfinden, als ob unsere Sonn- und Feiertage inhaltslos sind, ist uns nicht unbekannt. Es ergreift uns die leise Bangigkeit -zu den Feiertagen, wie wir sie „einmal" kannten, in diesen alten und guten Tagen „als Sein Licht noch über unseren Köpfen leuchtete." Die Bangigkeit wird manchmal so stark, daß wir künstliche Mittel suchen, um sie zu befriedigen. Hier hört die Herrschaft der Vernunft und des Verstandes auf und es erhebt 136