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Der junge Jude · 1930-07-01 · Heft 4 (Juli 1930) · page 25

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 4 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
– (sequence 25)
Language
German
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SEHNSUCHT ZUM GEBORGENEN SEIN. (Ans der Zeitschrift des Kibbuz Hameuchad „Mibifnim".) Von Abraham Tarschisch. Der Sinn unserer Epoche wird von verschiedenen Seiten verschieden interpretiert. Mancher sagt, wir stehen bereits in der Zeitspanne der sozialen KevolutÄon; andere behaupten, der Kapitalismus hat sich stabilisiert und die Kräfte des Umsturzes sind noch schwach. Aus den verschiedenen (Einstellungen werden in der Politik verschiedene Schlußfolgerungen gezogen, aber in einem sind wir uns alle einig: die sozialen Veränderungen der Zeit haben ungeheure seelische und kulturelle Wandlungen hervorgerufen. Der Kapitalismus von heute, die moderne Technik hahen die überlieferte geistige, sittliche und religiöse Welt unbarmherzig zerstört. Vor unseren Augen werden Sitten und Gewohnheiten, Begriffe von Familie und Eeligion, von Feiertag und Gottheit, zersetzt und zertrümmert. Der Hochkapitalismus und die jungen Kräfte, die ihn bekämpfen wollen, nagen von verschiedenen Seiten an dem, was einmal in Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft, das Verbindende, das Verpflichtende und Beruhigende war. Die Illusion von einem Geborgenseinkennen ist weg. Der sichere Boden unter den Füßen und der ebenso sichere Gott über uns sind nicht mehr da. Der Schleier vor uns ist abgerissen worden. Ein hartnäckiger und grausamer Kampf der Klassen stählt die Kräfte, die diese Gesellschaft der (Ausbeutung und der Lüge unversöhnt hassen und die sie von Grund aus umwandeln wollen. Es gilt andere Lebenswerte, andere sittliche Begriffe, ein anderes Sein zu gestalten. Unsere Generation gärt in Tausenden von Widersprüchen. Wir taumeln in einem Wirrwarr von sozialen, ethischen und kulturellen Problemem. Wir sind alles andere als harmonisch und der Abgrund ist oft unser Nachbar. In dieser Verworrenheit ist es nicht leicht, die Keime der neuen Kultur und der neuen Lebensgestaltung eu sehen. In einer solchen Zeit ist es sehr verständlich, daß in dem persönlichen Leben das Negative des Wandels besonders zum Bewußtsein kommt. Es scheint: Der Mensch wurde einsam, das Leben wurde „leer", wohltuende Gebote und Wegweiser sind verloren gegangen, in den großen Konflikten ist jeder auf sich selbst angewiesen. Es wird uns allmählich vor unserem Mut bange und es wächst die geheime Sehnsucht, die erschreckende „Leere", die durch tiefe soziale Erschütterungen und durch Zusammenbrechen einer Kultur entstanden ist, mit gewohntem, beruhigendem Inhalt zu erfüllen. Der Kkipitalismus wurde durch den Krieg und die darauf folgende Kevolution nicht beseitigt. Die Keime der zukünftigen Menschengemeinschaft wachsen in bitterem Kampfe der Klassen um die materiellen und kulturellen Werte. Ihr Wachsen wird von dem Lärm der bürgerlichen Kultur, der weit in die Arbeiterklasse hineintobt, übertönt, und viele von uns verlieren den Sinn und das Gehör für die wirklichen kulturschaffenden Kräfte. Sie werden mfäde in dem Kampf, der ihnen einer Verwirrung gleichkommt, und möchten in die alte geborgene Welt, die so harmonisch war und unsere seelischen Widersprüche nicht kannte, zurück. Diese Erscheinung ist psychologisch verständlich. Es gibt eine natürliche Neigung, das Vergangene zu idealisieren. Besonders stark wird diese Neigung in 135

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