Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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sich der Dui*st der Sehnsüchte zu dem ins Maßlose idealisierten jüdißclien iStädtcftien, wo die Prinzessin Sabbath zu Hause war. ■3 Unsere Schöpfung im Lande stammt aus einer Verneinung der Vergangenheit, aus einer voMkoimimenen 'Ablehnung der Lebensformen der Diaspora. Diese Vergangenheit und diese Lebensformen sind noch nicht so weit vom uns. Wir babem das gottgesegnete jüdische Städtchen (nur die kleine Stadt in der Diaspora kannte ein besonderes jüdisdhes Sein) entweder am Anfang «seiner Zersetzung (die zweite Alijah) oder in Zeiten seines endgültigein Verfalls verlassen. Wir erinnern uns noch ganz genau seiner letzten Zuckungen: die alten schiefen Häuser, mit Moos bedeckt — das Sinnbild des Zerfalls und der Verlassenheit —, ein alter Vater und eine alte Mutter, deren Lebensinhalt das Warten auf Geldsendungen aus Amerika war. Wo waren denn die geborgene straihlende Schabbath- und Feiertage? Wer von uns hatte sie in seiner Kindheit? Es war trostloses, freudeloses Leben, es war ein beschämendes auswegloses Elend, es war ein Gefühl der Unsicherheit dem kommenden Tage gegenüber. Die Feiertage waren oft unbermlieh bedrückend, ihrer Formen und Sitten entleert und dazu noch manchmal unwahr und verlogen. Es ist unser nicht würdig, dieses Sein zu idealisieren. Die Kräfte, die unsere Kultur, unsere Lebensformen aufbauen werden, quellen aus dem glühenden Bedürfnis, das persönliche und gemeinschaf tliche Leben in allen Bereichen umzugestalten. Nicht die nebelhafte Sehnsucht zu einem Geborgensein, sondern das Bewußtsein, die kämpfende Erkenaaitnis, die reale Erfahrung, werden uns den Weg zur Lebensgestaltung der Gemeinschaft zeigen. Es ist richtig, daß wir bis jetzt beständige Lebensformen nidht geschaffen haben. Aber eine Gemeinschaftsart, ein harmonisiertes Sein ist die Frucht einer Kultur und wir sind erst am Anfang. Es werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte bis dahin vorübergehen. Wie die Keifezeit unserer Kulturgemeinschaft aussehen wird, kann man jetzt nicht voraussähen, aber in dem langem Entwicklungsprozeß dürfen wir nicht die grundlegenden, die zukunftsträchtigen Triebkräfte des Sozialismus vergessen. Das gemeinschaftliche Sein wird nicht durch geistreiches Klügeln geschaffen. Der neue Feientag wird nicht durdh künstliches Zusammenleimen hergebrachter Formen gestaltet. Wir sollen die alten Feiertage aufleben lassen, insoweit wir sie mit einem neuen und für uns fruchtbaren Inhalt erfüllen können. In dem Gedächtnis des Volkes sind die Feiertage mit historischen Ereignissen verbunden. Soweit wir von diesen Ereignissen auf »neue und vielleicht von anderer Seite aus ergriffen werden können, soll diese historische Anlehnung begrüßt werden. Hauptsächlich müssen wir aber unsere sozialen Feiertage pflegen, die Feiertage, die mit den Kämpfen und dem Schaffen der Arbeiterklasse verknüpft sind. Hier sind wir frei von den Ketten der Tradition, hier sind wir nicht von fernen Generationen überschattet. Die freien Kräfte unseres Innern sipielen da ein (mutiges Spiel. Keine menschliche Schwäche ist uns fern. Wir sind manchmal von der süßliehen Bangigkeit zu den ^schönen, alten Zeiten" befallen. Aber unser hartnäcMges Streben ist zur Klarheit, unsere treueste Treibkraft ist die menschliche Vernunft, die mutige Leidenschaft zur riüeksidhtelosen Wahrheit; mit ihnen werden wir das Leben gestalten und^ unser Sein schaffen. 137