Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeit. Man wollte -bewußt nicht an den Dingen vorübergehen, sondern «sich mit ihnen auseinandersetzen, also mit Fragen der Weltanschauung, der Politik, der Religion. Nach außen hin 'trug man das Gewand der deutschen Jugendbewegung. (Schon äußerlich durch Schillerkragen, Fahrtenkittel, man nahm ihre Sprache an, man übernahm ihre Liehe mm Altdeutschen, zu den Liedern der Landsknechte, man griff zum Zupfgeigenhansel, man tanzte ihre Tänze, nicht zuletzt weil man eigenes nicht besaß. Aber auch einen Teil ihrer umgeschriebenen Gesetze hat man übernommen: Abstinenz und (Keuschheit. Man liat diesen Prinzipien eine Motivierung gegeben, und in ernsthaften Diskussionen auch mit diesen Problemen gerungen, man wollte sich gleichsam selbst erproben, wollte in der Verpflichtung auf eine Idee beweisen, daß man den Widerständen des Alltags gegenüber stark war. Dazu kam, daß es eben auch zur Form, zu dem Habitus des Ganzen gehörte. Diese Dinge a'ber sind — niemand hat ein Recht darüber, erhaben zu sein — ernst gekommen worden und gar mancher hat seinen Willen gestählt. Soziologisch gesehen ist es •vielleicht nicht uninteressant -zu wissen, daß diese Gruppen in der Großstadt sich zu einem guten Teil, jedenfalls in SüddeutschLand, aus jungen Juden 'zusammensetzten, die in erster oder aiber in zweiter Generation vom Lande nach der »Stadt gezogen waren. Das erklärt vielleicht zu einem Teil ihr unmittelbares Verhältnis zu (jüdischen Dingen, als zu etwas Lebendigem. Wer das jüdische Leben einer Kleinstadt kennt, weiß, daß es so etwas wie jüdische Gemeinschaft, auch nach außenhin sichtbar, gibt. Sehr viele der JJWBer haben dies Gefühl, diese Verbundenheit mitgebracht und so entsteht, nicht als etwas nur Programmatisches, nicht als nur das von anderen Trennendes, die zweite Komponente, die jüdische. Ausgegangen ist man dabei von der Haltung des JJV. Man muß das historisch-Gewordene kennen, um das Gegenwärtige und seine Forderungen zu verstehen. Erst wenn man die Geschichte des jüdischen Volkes kennt, darf man auch Stellung nehmen zu den Fragen des Tages, muß man sich entscheiden für Gegenwartsprobleme, für das Brennendste, für oder gegen den Zionismus. Man ist den Fragen nicht ausgewichen, man hat auch ihre Bedeutung für eine Schar »junger Juden durchaus erkannt, und hat gewissenhaft versucht, eine Entscheidung zu treffen. Wesentlich aiber war für diese Periode der Mensch, war das Individuum, der Freund, die Kameradin, Ich glaube, daß viele Freundschaften, die in dieser Zeit geschlossen wurden, wirklich tief und echt sind, daß alle, die ifest und ganz in der Bewegung damals standen, sehr wertwolle persönliche Beziehungen gewonnen .haben und daß ihre Erinnerung an diese Zeit ungetrübt freudig, warm und echt ist. Ganz zu schweigen 'von den vielen, die (hier ihren Gefährten fürs Leben gefunden haben. Wie aber, wenn nun ein JJWBer zur Entscheidung gekommen war, wenn er seübst Stellung genommen hatte zu einer der großen Fragen? Konnte, durfte er da noch weiter wirken in dem Kreise der Unentschiedenen, der Neutralen, derer, die unvoreingenommen prüften? Bedeutete nicht die Entscheidung auch eine Verpflichtung der Idee gegenüber, mußte nicht einer, der sich etwa zum jüdischen (Nationalismus bekannte, alles tun, um andere auch zu .dieser Überzeugung zu -bringen? Wer ehrlich war, mußte aus den (Reihen ausscheiden und sich eingliedern in eine der entschiedenen 126