Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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gangsstadium bedeutet, ist zu ihrer Zeit noeh ideologisches, d. h. falsches Bewußtsein vorhanden. Antisemitismus entspringt aber nach der Lehre Karl Marxens notwendig falschem Bewußtsein, ist also Verkleidung von ökonomischen Gegensätzen und muß notwendig mit fortschreitender Revolutionierung und Sozialisierung schwinden. Da aber die marxistische Theorie als Kritik richtigem Bewußtsein entstammt, ist sie berufen, die Politik zu leiten und den Marxismus pragmatisch anzuwenden. — Dieses ist also der theoretische Standort, auf dem die Sowjet-Regierung steht. Er enthält für sie die Pflicht, gegen jede Ideologie anzukämpfen. Hieraus erklärt sieh, daß im Vergleich zu anderen Staaten überaus energische Vorgehen Sowjet-B ußlands gegen den Antisemitismus, der als poetischer Wille und Ausdruck einer Kollektivgesinnung keine Aussicht auf Bestand hat, solange Bußland den Marxismus nicht verwässert, sondern zu verwirklichen sucht. Mit den soeben gewonnenen Aspekten ist der Zweck dieser nur im Umriß aufgezeigten Untersuchung nicht voll erreicht. Es ist noch notwendig, auf die Gewaltakte gegen jüdische Synagogen, Störungen des Gottesdienstes, Angriffe auf Rabbiner usw. einzugehen. Diese sind als „Feldzüge gegen den jüdischen Klerikalismus" nur zum Teil das Werk von Antisemiten. Anschließend an die kurze Charakteristik der herrschenden Doktrin, ist noch zu betonen, daß die Bolschewiken Religion als ideologischen Ueberbau, als Ausdruck falschen Bewußtseins, verstanden wissen wollen. Als Kämpfer gegen ideologisches Bewußtsein sind sie antireligiös. Jüdische Kommunisten, jüdische Atheistenvereine kämpfen vereint mit Nichtjuden gegen alle religiösen Gemeinschaftsformen und gegen jede Art von Religiosität. In der jüdischen Religion erblicken sie die „Fahne der jüdischen Bourgeoisie". Sie selbst halten sich für areligiös, glauben aber, solange antireligiös sein zu müssen, bis nach dem letzten Stadium der Sozialisierang und Revolutionierung der Sprung in die; Freiheit erfolgt ist. Rückblick und Ergebnis: Die antisemitische Strömung innerhalb der rechten Oppositionsminderheit der Russischen Kommunistischen Partei ist (unter Ausnahme etwaiger reaktionärer Geheimbünde) die einzige judenfeindliche Kollektivgesinnung in der Sowjet-Union und hat ihre Wurzel in der einst den Kleinbauern und dem Landproletariat anerzogenen Mentalität. Restbestände dieser Mentalität haben sich trotz mancher Erziehungsversuche i (Trotzkij) erhalten und wurden in dem Augenblick aus ihrem latenten Zustand zu einer politischen Haltung, als das Landproletariat und die , Kleinbauern sich benachteiligt glaubten. Sie richteten ihre Opposition gegen die Außen- und Wirtschaftspolitik Stalins und begründeten die national-bolschewistische Neuorientierung des rechten Parteiflügels. Eine Reihe von Funktionären des Parteiflügels und der hinter ihnen stehenden Wählermassen richtet ihre Kritik nicht allein gegen Stalin und seine Anhänger, sondern treibt mit Hilfe eines „geistig fundierten" Antisemitismus indirekte Opposition gegen die augenblicklichen Verhältnisse. Sie brauchen Antisemitismus als bequeme Schuldverschreibung und Patentlösung. — Als ideologische Gesinnung, als falsches Bewußtsein bekämpft die Sowjet-Regierung den Antisemitismus..— Die Gewaltakte gegen Synagogen, Rabbiner tisw. gehen aber nicht alle zu Lasten des Kontos der Antisemiten, vielmehr fällt ein beträchtlicher Teil auf das Schuldkonto der antireligiösen Haltung der Bolschewiken. 129