Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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ländlichen Proletariats und der Kleinbauern. Die Wortführer der judenfeindlichen Richtung propagieren folgende „Argumentation": die wirtschaftlich schlechte Lage der russischen Landwirtschaft hat ihre Ursache in der Teilhaberschaft von Juden an der Sowjet-Regierung. Diese Juden seien nämlich an der Landwirtschaft uninteressiert und hätten kein Verständnis für die Landbevölkerung. Ein „Argument", das auf den Kesten der anerzogenen antisemitischen Mentalität entstand und die Lösung für die Hebung der Landwirtschaft in sich enthält und den Euf: „Nieder mit der Judenherrschaft" entfesselt hat. Es soll hier nur ganz flüchtig das Falsche dieser Argumentation angedeutet werden: Stalin ist Alleinherrscher und Nichtjude und die vor einem halben Jahre erfolgte Umstellung der russischen Wirtschaftspolitik war dessen eigene Initiative. In diesem Zusammenhang möchte ich noch die Annahme vieler deutscher und ausländischer Journalisten zurückweisen, die Verbannung und Ausweisung Trotzkijs sei eine Wirkung der antisemitischen Richtung des rechten Parteiflügels. Vielmehr ist es so, daß die Verbannung Trotzkijs zeitlich viel früher als die Geburtsstunde des Neaantisemitismus liegt. Sie ist, wie auch die vor einigen Monaten erfolgte Ausweisung Trotzkijs, nur aus dessen Differenzen mit Stalin zu erklären. Und der ist, wie wir später noch aufzeigen werden, eher, alles andere als ein Antisemit. Und die neu antisemitische Strömung wäre bei einer derart bedeutenden Entscheidung, wie die Ausweisung Trotzkijs für Rußland nun einmal ist, von viel zu schwachem Einfluß, sofern man bei der gegenwärtigen diktatorialen Regierung Stalins überhaupt von Beeinflussung sprechen kann. Um oberflächliche Schlußfolgerungen zu meiden und eine Aussicht von der wirklichen politischen Situation aus zu geben, kann man über die Zukunft der Rechtsopposition und über die Zukunft des Antisemitismus als Gruppengesinnung dieses Parteiflügels nur etwas aussagen, wenn man die Diktatur Stalins zum Ausgangspunkt macht und sich vergegenwärtigt, daß Stalin der alleinige Machtinhaber im gegenwärtigen Rußland ist und der Herrschaftswille dier ses Mächtigen jede Richtung bekämpft und auszurotten sucht, die nicht die von ihm gebilligte oder gewollte ist. Wie Stalin sich Trotzkijs und der Trotzkisten entledigt hat, wird er sich auch, wenn nicht alle Anzeichen täuschen, der nationalistischbolschewistischen Oppositionsminderheit entledigen. Der Anfang zu einer neuen Generalreinigimg ist bereits gemacht. Rykows Stellung ist sehr bedroht. Bueharin, der Ohefredakteur der „Prawda", wurde gezwungen, seinen Posten in der Partei aufzugeben. Stalin und seine willfährigen Anhänger herrschen unumschränkt in der Regierung und in der Partei. Aus diesen Gründen kann man der bolschewistisch-nationalistischen Rechtsopposition ihr baldiges Ende prophezeien. Damit ist auch gesagt, daß eine judenfeindliche Haltung in der Partei oder Regierung, wenigstens nicht unter der persönlichen Diktatur Stalins, Aussieht auf langen Bestand hat. Die Zukunftsaussichten einer Mentalität, die wie der Antisemitismus zur kommunistischen Geisteswelt im Widerspruch steht, la& sen sich aber erst genauer von dem theoretischen Standort aus aufzeigen, auf dem die Sowjet-Regierung (Stalin) selbst steht: Der Sowjetismus ist der Sozialisierungsprozeß oder die Verwirklichung des Marxismus mit Hilfe der proletarischen Diktatur. Mit dem Endstadium dieses Prozesses ist der Sprung in die Freiheit getan und das richtige Bewußtsein erreicht. Da ^aber die Diktatur nur Durch- 128