Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1929-11-01 · Heft 4-5 (November 1929) · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 4-5 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3497353-3497361-3497365--381-3497921
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

meiiisiamer jüdischer Sozialismus vorhanden sein. Man wird nach, dem Vorstehenden verstehen, daß der jüdische Sozialismus eine Sache der Tat ist, nicht mehr nur eine geistige Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Recht und Frieden. Das konnte er in der ersten Zeit sein, wie überall in der Welt, jedoch der moderne jüdische Sozialismus feat eine große soziale Basis, auf die er sich stützen kann. Das sind die großen jüdischen werktätigen Massen. Ein Intelektueller, der sich nur auf seine geistigen Grundlagen stützt, hat die Möglichkeit, seine geistigen Lebensrichtungen zu ändern: Er steht im Schützengraben des Sozialismus, hat aber die Möglichkeit, jeder Zeit in einen andern Schützengraben abzutreten. Der Arbeitsmensch steht und bleibt in einem Schützengraben; sein Sozialismus ist eine Lebensaufgabe, die nicht mehr geändert werden kann. Aber auch der Arbeitsmensch kann nicht allein mit der ökonomischen Basis auskommen. Der Sozialismus ist nicht in der ökonomischen Grundlage zu erschöpfen. Ebenso wie der Mensch einen Körper hat, .aiber das menschliche Leben, des Menschen Sehnsucht und Arbeit nicht allein der Körper ist, sondern darüber hinausgeht, ebenso entsteht wohl die sozialistische Funktion in der ökonomischen Lage, in die man gezwungen wird, aber es kommt noch ein idealistisches Moment hinzu. Es ist nicht wahr, daß der Sozialismus Arbeiterbewegung und noch etwas ist. Wenn Arbeitsmenschen als solche für ihre wirtschaftliche Interessen kämpfen, dann haben wir Sympathien mit ihnen. Aber das ist noch nicht Kampf für den Sozialismus, das ist nur Kampf der Arbeiter für die Verbesserung ihrer Lage. Lasalle hat vom vierten Stand der Arbeiterschaft gesprochen. Erst dann wird der Kampf welthistorisch, wenn wir nur für den vierten Stand und nicht nur für die heutige Zeit kämpfen. Wir sehen heute Teile der Arbeiterbewegung, die ferne stehen vom Sozialismus. Das hat uns der Krieg gezeigt, und die Vorbereitungen zum neuen Kriege zeigen uns das noch heutzutage. Es ist notwendig, daß zu den ökonomischen Tatsachen eines Klassenkampfes noch etwas hinzukommt: das geistige Eingen. Wenn die geistige Not zur wirtschaftlichen hinzukommt, dann hat man nicht nur einen Arbeitsmenschen, sondern einen sozialistischen Menschen. Der jüdische Sozialismus wird revolutionär sein und für den Weltsozialismus von Bedeutung werden, erst dann, wenn sich zum Oekonomischen auch das Moralisch-Geistige hinzugesellt. Keine Kompromisse mit der bürgerlichen kapitalistischen Welt, keine Konzessionspolitik, keine Koalitionsmetheden in Wirtschaft, Kultur, Politik, eine Absonderung von der andern Welt! Der Fluch der heutigen sozialistischen Bewegung ist es, daß sie geglaubt hat, in die andere Welt hineinwachsen zu können. Der jüdische So-zialismus muß unversöhnlich stehen gegenüber der heutigen Welt. Als Mensch, als Arbeifcsmensch und als Jude besitzt der Jude die Möglichkeit zu dieser notwendigen Opposition. 1»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.