Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4-5 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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ANTISEMITISMUS UND NATIONALBOLSCHEWISMUS IN DER SOWJET-UNION. Von Heinrich Holtgreve, Köln. Die nachfolgenden Ausführungen stellen einen sehr geistreichen Versuch der Erklärung des Antisemitismus in der Sowjet-Union dar. Wenn wir auch der Meinung sind, daß auch andere Deutungsmöglichkeiten dieses PhÖnomens gegeben sind, so halten wir die vorliegende für so bedeutsam, daß eine Veröffentlichung voll gerechtfertigt erscheint. Red. Träger des Antisemitismus unter zaristischem Regime waren ein großer Teil der Großgrundbesitzer, der höheren Beamten und Offiziere, nicht zuletzt aber auch freie Gewerbetreibende und Akademiker. Die Organisationen, zu denen diese Kreise sich zusammenschlössen oder denen sie beitraten, haben nie eine geschlossene Kampffront gebildet, um gemeinsam durch politische Aktionen ihrer antisemitischen Gesinnung Rechnung zu tragen, auch einzeln sind sie nur selten mit einem Aktionsprogramm gegen das Judentum hervorgetreten. Gelegentlich forderten einige Organisationen und kurzlebige Parteien einen Ausnahmezustand oder einen numerus clausus, so vor allem nationalistische akademische Bünde. Aber Vereinigungen mit nur antisemitischen Zielsetzungen gab es nicht. Die antisemitischen Gewalttaten richteten sich gegen einzelne Juden und bestimmte Ghetto viertel. Sie wurden von bezahltem Lumpenproletariat verübt, während die Urheber in ganz anderen Schichten zu finden waren. Fragt man nach Organisationen, so stößt man besonders auf solche, die Standes- oder Berufsinteressen vertraten und zaristisch-nationalistische, zumeist auch konservative Prägung aufwiesen. Wie schon gesagt, gehörten die russischen Antisemiten vor allem der ländlichen Feudalität und dem Großbürgertum an. Vor das Gefühl eines TJnterlegenseins, einer Benachteiligung oder einer Minderwertigkeit schoben sich bei ihnen, eine Reihe von scheinbar sachlichen Argumenten und politisch-taktischen Erfindungen. Diese zielten darauf, alle als üebel empfundenen Zustände in der Politik, Wirtschaft und Kultur als von dem Judentum verursachte darzustellen. Wie in anderen Staaten, so wurde auch in Rußland: das Vaterland, das Volk, der Nationalcharakter, die nationale Kunst usw. als beleidigtes Gut vor die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit gehalten. Die Großagrarier bedienten sich des Antisemitismus als Patentlösung für Mißstände aller Art, während das Großbürgertum in antisemitischen Gesinnungsäußerungen ein Mittel für den Konkurrenzkampf erblickte. Beiden gemeinsam diente der Antisemitismus zur Rehabilitierung ihrer vorhandenen oder eingebildeten Tugenden; und die ländliche Feudalität und das Großbürgertum benutzte so den Antisemitismus auch gemeinsam als politische Taktik. Die Großagrarier propagierten überdies den Antisemitismus unter den Kleinbauern und dem ländlichen Proletariat. Dabei gingen sie so geschickt vor, daß diese eine judenfeindliche Gesinnung als eine ihnen gemäße und notwendige politische Haltung empfanden. Mit der Bolschewiki-Revolution im November 1917 wurden die vor dieser Zeit herrschenden Schichten, zu denen die Träger und Verbreiter des Antisimitismus geborten, ihres ökonomischen und politischen Maehteinflusses beraubt. Es begann die Sowjet-Herrsohaft, 124