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Der junge Jude · 1929-11-01 · Heft 4-5 (November 1929) · page 23

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Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 4-5 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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beschäftigt sind. Solcher Betriebe gibt es in Warschau und Bialystok 50%, in Lodz 45%. Man kann also ruhig sagen, 50—60% aller jüd. Lohnarbeiter sind in solchen Betrieben konzentriert die 1—5 Arbeiter beschäftigen. Man könnte nun meinen, daß in nichtjüdischen Unternehmungen mehr jüdische Arbeiter beschäftigt sind. Aber in größeren Betrieben werden nur sehr wenige jüdische Arbeiter angenommen. Das ist ein Schicksal, von dem viele jüdische Arbeiter ein trauriges Lied singen können. Man kann sagen, daß das oben gezeichnete Bild charakteristisch ist für den großen Teil der Lohnempfänger. Man kann sagen, daß sich seit 1921 die Lage nicht nur nicht gebessert, sondern sogar verschlechtert hat. Wenn nun die Landwirtschaft überhaupt nur ß% der jüdischen Bevölkerung umfaßt, wenn die Industrie und das Handwerk so aufgebaut sind, wie wir es eben gesehen haben, dann kann man zusammenfassend behaupten, daß auöh ein großer Teil der Gewerbetreibenden und Handwerter zu den ärmsten Schichten gehört. Was nun die Handel-Treibenden betrifft, so muß man sagen, daß etwa 1,000.000 von ihnen zu den Miniatur-Händlern gehört, und man könnte einen großen Teil von ihnen zu den Luftmenschen rechnen. Zieht man also die besser gestellten Schichten ab, so kommt man zu dem Kesultat, daß vielmehr als eine Million Juden in Polen „zu viel" sind. Das ist eine ökonomische Tatsache. In K u ß 1 a n d leben 2,800.000 Juden, ebensoviel wie in Polen. In der Landwirtschaft sind ungefähr ebensoviele wie in Polen beschäftigt: 6%. In Industrie und Handwerk 964.000 (35%) im Handel 926.009 (34%), in den liberalen Berufen 212.000 (7,5%), Schwarzarbeiter, Dienerschaft machen 40.000 (1,5%) aus, ohne Beschäftigung sind 448.000 (16,5%). Die letztere Gruppe soll man nicht zu denen rechnen, welche man in Europa Arbeitslose nennt, denn diese sind nur zeitweilig aus dem Produktionsprozeß ausgestoßen, jene aber sind außerhalb des wirtschaftlichen Prozesses überhaupt. Es werden jetzt von der Sowjetregieruiig große Anstrengungen gemacht, um die jüdische Bevölkerung in die Landwirtschaft einzuführen. Diese Arbeit muß hoch angerechnet werden, aber es ist eine große Illusion, wenn man glaubt, diesen Prozeß für alle Juden durchführen zu können. Man kann im besten Falle 4—5000 Familien (20.000 Personen) jährlich ansiedeln. Man soll also nicht meinen, da,ß die Lage dadurch im Prinzip geändert wird. (Auch im zaristischen Kegime war schon eine große Anzahl von Juden in südrussisehen Provinzen angesiedelt).Höchstens 40—50.000 sind in den Jahren nach der Kevolution angesiedelt worden. Den größten Teil der landwirtschaftlichen Bevölkerung bilden werktätige Bauern. Man kann also diese Schicht zu den Werktätigen rechnen. Es ist von der Kegierung etwas Wichtiges geschaffen worden, indem man einen Teil der jüdischen Jugend aus dem Handwerk in die Industrie hineingedrängt hat. Doch dieser Teil ist sehr gering. Himmelschreiend ist jedoch die Not des größten Teils der jüdischen Jugend. Viele jüdische junge Menschen reifen heran und haben gar keine Beschäftigung. Erüher hat die jüdische Jugend bei den Handwerkern Beschäftigung gefunden. Nach all den großen Aenderungen sind die Handwerksleute zum großen Teil ruiniert. Der Arbeitgeber sucht mit allen Mitteln, sich unbemerkbar zu machen, allein auszukommen; denn wenn er einen Handwerksburschen hat, muß er viel mehr Steuern zahlen. Deshalb kann man die jüdische Jugend nicht handwerklich ausbil- 117

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