Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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hier die Veröffentlichung von kurzen Äufsätzen und Gedichten fort, die vorher bereits zum größten Teil in der „Weltbühne" gestanden haben. Ällem was Tucholsky schreibt, ist eines gemeinsam: Er sieht die Wirklichkeit so nahe und drückt sie in einer ihr so angepaßten Sprache aus, wie das sonst kaum jemand tut, Die Erkenntnisse, die so gewonnen werden, sind für uns überraschend: wir wissen, daß wir so sind, es hat uns aber noch niemand dies druckfertig gesagt. Das wir bei diesem .,näheren Hinsehen*4 oft recht seltsame Wesen sind, erfüllt uns mit Freude, soweit wir uns nicht gerade mit dem beschriebenen Objekt der Darstellung identifizieren, was wir vorsichtshalber nur in den seltensten Fällen tun. Wer in den Äufsätzen nur ,,das flüchtige Werk eines jüdischen Journalisten" sieht, wird enttäuscht sein. Wer in ihnen „wichtige Beiträge zur Soziologie , . . erblickt, würde, obwohl er eigentlich Recht hat, dennoch von Tucholsky darob ausgelacht werden. „Trotz alledem können wir das Werk allen unseren Lesern aufs wärmste empfehlen, keiner wird es ohne Gewinn lesen'4. lubs. Ernst Gläser Jahrgang 1902 Gustav Kiepenheuer-Verlag Potsdam 1928 Je mehr die Menschen den Krieg vergessen, desto stärker bemächtigt sich seiner die Literatur. Darin zieht er vorbei, gesehen entweder von der Front oder wie im Serganten Grischa von der Etappe oder wie hier bei Gläser von der „ Heimat" aus Von einem Menschen erlebt, dessen Bewußtsein bei Ausbruch des Krieges noch nicht das Bewußtsein eines Erwachsenen war, das aber an allem Geschehen wachen Anteil nimmt. Der Krieg — das ist dann nicht mehr der alles tötende üneinanderprall der vom Kapitalismus vorgetriebenen Völker, das ist der nicht ganz verstandene, aber freudig mitgemachte Taumel der Begeisterung des Anfang, das ist das eigentümliche Staunen über das zeitweilige Verschwinden vorher schon gespürter Klassengegensätze in den Tagen des August. Der einzeln aufwachsende Jugendliche, der sich zu orientieren beginnt, wird da hineingesetzt in die veränderte Welt der Siege, der Feldpostbriefe, der Vaterlosigkeit, der Lebensmittelknappheit, des Hamslernsund des Hilfsdienstes. Dazwischen wird er immer noch stärker gepackt und aufgerührt von den ersten Erfahrungen mit Mädchen, ihrem Körper und dem alles überdeckenden Geheimnis ihres Seins. Allgemeine Vorurteile ergreifen von dem Jungen Besitz Die Gesunden und Problemlosen schwimmen immer oben auf der jeweils höchsten Welle, nie gänzlich umgeworfen, immer bereit, sich auf eine andere noch stärker heranbrausende hinübergleiten zu lassen. So wird aus Siegesfreude Siegesstumpfheit. „Siege" fallen nur noch ins Gewicht, wenn es schu frei gibt. Dann kommt das leise Grauen über die Menschen, das Warten auf Nachricht von der Front, das Einschlagen der Todesbotschaften rechts und links — die Konzentrierung der Sorge nur um die nächsten Menchen, zuletzt die hoffnungslose Sehnsucht nach Frieden. Und beim Lesen werden die eigenen Erinnerungen an die Zeit, die ein Gleichaltriger wieder erstehen läßt, lebendig. Das Gefühl, das heraufkommt, ist unbehaglich. Denn das Ich von damals wird von dem Ich von heute gerichtet. Und obgleich der Krieg an uns verübt worden ist, wird das Ich damals schuldig gesprochen. Schuldig, mitgemacht zu haben an Goldsammlung, Aufsatzschreiben, Gefangene Russen-Addieren, mitgeschrieen zu haben, sich durch das alles gehoben und wichtig gefühlt und dabei — hier beginnt die Schuld — sich trotzdem in einem Bezirk gegen all das abgegrenzt zu haben, ohne daß diese Abgrenzung je den anderen deutlich geworden ist. Das holt Gläser als junger Mensch aus uns hervor, auf einer Stufe gleichen Erlebens, ohne Beschuldigung, dieses unseres gemeinsamen Jahrgangs, der so plötzlich näher zueinander gerücks ist. Wenn auch die Menschwerdung erst um die Revolution herum einsetzte, die Gläser nicht mehr beschreibt, und so ein wesentliches Stück Persönlichkeitsbildung unberücksichtigt bleibt, das eigentlich noch dazu gehört, gerät Gläser doch ein Stück in unsere »tiefsten Tiefen"4 g. 1. Abitur Obersekunda Vormittag-, Abendkurse, auch Mädch. u. Erwachsene. Dir. Danziger, Berlin, Älte Jakobstr. 124, Dönh. 5115. 53