Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Die mußte erst tiberwunden werden, und die überwand er nie. Das eben war sein Schicksal. Es zeigte sich in seinem praktischen Wirken, es zeigte sich in seinem Judesein. Man höre auf, den Zusammenbruch der Münchener Revolution mit dem fremden Rhythmus seines Blules zu erklären. Die Ursachen der Münchener Katastrophe hat er selbst im provisorischen Nationa'rat genannt: „Ein großer Augenblick findet ein kleines Geschlecht." Die Streitereien um die kleinen Gruppeninteressen im Anblick gewaltiger Aufgaben haben den inneren Halt der Revolution unterwühlt. Da hätte Landauer Jude oder Nichtjude sein mögen, dies hätte dem Verlauf der Revolution kaum etwas anhaben können. Man lese die Protokolle des bayerischen Nationairates und der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, und man wird feststellen, warum dies Ende kommen mußte. *) Darum höre man auf, Landauer als Nationaljuden auszugeben. Man tröste sich auch nicht mit der Hoffnung, daß der gep!ante Kongreß jüdischer Sozialisten, den Landauer und Buber vorbereiteten, den Umschwung in seiner Haltung herbeigeführt hätte. Was ihn bewußt mit unserem ^Werk verband, war der revolutionäre Sinn der Bewegung. Doch die innere Not seiner Beziehungslosigkeit äußerte sich auch vor dem Zurückweichen vor dem jüdischen Volk, wie wir es sind, mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Reichen und Armen, Schmarotzern und Schaffenden- Für ihn war Nation nur Amt, Aufgabe, etwas Geistiges, aber nichts Körperliches. Daß er Jude war, ist eine Tatsache, die uns zu nichts mehr berechtigt als zu der Einsicht, daß unser Judenschick sal, die Galuth, die Abgeschlossenheit hier wieder einmal soviel Energien in einem Menschen aufgespeichert hat, daß er den Mund öffnen mußte, um aufzurufen, die Mauern einzureißen und aus der Abgeschlossenheit zu Zusammenschluß zu kommen. Daß der Drang in ihm so mächtig war, daß er nicht zu scheiden wußte zwischen Mauer und Mauer, zwischen Volk und Menschheit, daß er nicht die Wegstationen zu erkennen vermochte, ist ein nicht allzu seltener Fall unserer Geschichte. Aber ehren wir den Mann unseres Volkes, indem wir seine Lehre nicht verfälschen, sondern weiterführen. Landauer richtete seine Worte 2m die Menschheit, Menschen wollte er an die Seele packen und Menschen aus ihnen machen. Als die coldatenhorde ihn überfiel, sollen seine letzten Worte gewesen sein: „Erschlagt mich doch. Dass ihr Menschen seid!" Diese Worte sind ein Vermächtnis an jedermann, aber uns, den Söhnen seines Volkes, steht es in erster Reihe an, für ihre Erfüllung zu sorgen. DASS IHR MENSCHEN SEID! Meir Hakohe n. BRIEF LANDAUERS AN SEINE TOCHTER GUDULA Da mich das Schicksal nicht unterkriegen soll, sollen es die armseligen Niederträchtigkeiten der Gewalttätigen ganz gewiß nicht öei auch Du aufrecht und stolz, mein Kind, und froh; nur die Tiefernsten haben das Reche zur Freude; die aber haben es. ]kir wollen durch diese Zeit hinauskommen, irgendwie; das Unheilige, von dem alles Unheil der Welt kommt, soll uns nicht berühren, ietzt, wo uns das Liebste in der Welt heilig geworden ist. Vater. *J Ehrich Mühsam hat einen persönlichen Kechenschaftsbericht veröffentlicht „Von Bisner bis Levinä**, den er aus dem Gefängnis 1920 als offenen Brief an Lenin gerichtet hat. Wir begnügen uns mit dem Hinweis auf die Broschüre, ohne zu der Darstellung Mühsame Stellung zu nehmen. 44