Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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dringung aller Kreise. Denn sie ist mehr als eine soziale Bewegung. Da sind nur die Ursachen ihres kraftvollen Gelingens und ihrer mächtigen Entfaltung zu suchen. Aber zu diesem ungestümen Drängen nach Brot ist längst schon anderes hinzugetreten Ethische Prinzipien haben erkannt, daß nur nach Tilgung des größten Unrechts der ungerechten Hungerstrafe, über mehr als die Hälfte der Menschheit verhängt, Platz geschaffen wird, ihre Herrschaft zu errichten. Solange nicht die Justiz und die Bildungsinstitute, Theater und Konzerte, kurz alle Errungenschaften der Menschheit allen im gleichen Maße Genuß gewähren, sehen die Schöpfer, die Künstler, die Dichter, die Musiker sich um die beglückenden Früchte ihres Schaffens gebracht; so hat sich der sozialistischen Bewegung eine große Schar freier Menschen angeschlossen, Nicht-Arbeiter, die ihre Interessen mit denen der Handwerker, Fabrik- und Landarbeiter verknüpft sahen. Auf alle diese haben Landauers Aufsätze den stärksten Einfluß geübt. Denn war auch sein Wunsch, zu dem Hauptträger der Bewegung, zu dem Arbeiter zu sprechen, so war doch sein Wirkungskreis durch den Rahmen seiner Fähigkeiten bestimmt. Und das ganz einfache, freie Wort, recht für das Ohr des Bauern, des Fabrikarbeiters, war ihm versagt. Auch dies mag; nicht Zufall genannt werden. Denn Landauers Sozialismus war eine Schau, eine Verkörperung uns innewohnender sittlicher Vorstellungen. Seine Revolution war eine Reform, aber nicht eine Reform unserer Einrichtungen, sondern eine Reform des Menschen. Eine Reform jedes einzelnen Eine Wiedergeburt des Gewissens. Man vermag zwei Klassen von sozialistischen Rufern zu unterscheiden: die einen, die auf dem sittlichen Bewußtsein fußen, die die alte Grundlage reformieren, die anderen, die aus dem Chaos, aus dem Schmutz, dem Unrat und der Unrast des Proletarier- Daseins den Sozialismus auferstehen sehen. Diese haben nur den Glauben an die Tiefe des Lebens, die in dem Tiefstand des gesellschaftlichen Lebens die Tiefe des Animalischmenschlichen zu loten hoffen. Sie sind frei und unbeschwert von Vorstellungen über die zukünftigen Formen der sittlichen Anschauung. Zu diesen Freien durfte sich Landauer nicht zählen. Er war selbst zu sehr Bürger, d. h. hangend an Ordnung und ordnendem geordnetem Geist, als daß er von allem hätte lassen können, sich loslassen und hinabsinken in den undurchschaubaren Hexenkessel menschlicher Animalität. Im Mörder, im Dieb, in der Hure hätte er das Gewissen wachgerüttelt und hätte sie freigesprochen durch den Beweis, daß eine andere Ordnung sie einen anderen Weg gewiesen hätte, der ihrer gerecht geworden war. Und um diesen Weg zu sichern . . ., so hätte er auch ihnen gegenüber den Sozialismus verfochten. Aber daß aus der Brutstätte aUer zu verfemenden Laster ein neuer Geist erblühen könnte, wä'e ihm wie die blaue Blume der Romantik auf dem Misthaufen gewesen. Landauer war ein gläubiger Mensch, der an den Menschen glaubte, aber doch nur an den, den er geschaut. Nach seinem Ebenbild wollte er ihn sehen und so sch if er für sich, für die anderen wieder aus neuem Geist den Shakespeare, Goethe, Hölderlin und die anderen gewaltigen Gesichte der Vergangenheit. Denn sie zeugten von dem Geist, den Landauer im Menschen entfalten wollte. So schenkte er ihre Offenbarungen noch einmal aus seiner Perspektive gesehen. Es waren und sind nur wenige, die die Bedeutung seines Strebens anerkennen. Sein Schicksal war Einsamkeit und Verlassenheit Es war nie eine Masse um ihn, weil er die Masse, wie sie ist, geworden ist, verachtete. Er konnte nicht zu ihr gehen. Aber er liebte sie und um sie neu zu gestalten, half er seiner eigenen Beziehungslosigkeit zur Welt. *) *)'3Siehe hierzu den Brief vom 23. 3.11. an Ludwig Berndl „ Gustav Landauer, sein Lebensgang in Briefen" od. Martin Buber, Eütten & Loening, Ffm. 1929. — Die Darstellung Landauers in diesem Aufsatz fußt in wesentlichen Punkten auf diesen Briefen. 43