Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Date
1929-06-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497361-3497363--288-3497864
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Es ist auch kein Zufall, daß es ihm um die innere Vervollkommnung dieses und jenes und hundeiter und aller ging, und er sich nicht mit freiem kräftigen Wort an die Masse als solche wenden konnte, um ihr, wie sie träg und dumpf noch ist, den Weg des Soziaiismus zu lehren. Denn Landauers Soziaiismus entspringt nicht der eigenen materiellen Not, wie sie Millionen gleich bedrückt, auch nicht allein dem unerträglichen Anblick der sozialen Ungerechtigkeit, sondern dem Ueberdruß an einer zerfallenden morschen .Kultur, die ihrer Existenz nicht mehr wert ist. In seinem Jugendwerk;„Der Todesprediger" schildert er solchen Weg eines Bürgers, in dem es aufbricht und der über Lebensverneinung den Weg [zur arbeitenden Gemeinschaft des Sozialismus findet. — Es ist ein psychologisch verständlicher Akt, wie in Landauer die Kräfte nach recht schneller Anteilnahme am praktischen Tun drängen. Es gilt etwas wett zu machen, was ihm als unverschuldete Schuld auf den Weg mitgegeben war: Durch Geburt und Milieu der Klasse anzugehören, die durch ihr Tun, ihre Herrschaft den kulturellen Ruin unserer Tage heraufgeführt. Die Erkenntnis, daß alles geistige Leben nur in der neuen Gesellschaft sich entfalten kann, und die Sehnsucht nach echter Kultur drängen ihn, jetzt und hier zu beginnen. Landauer kämpft und ringt um seine eigene geistige Existenz. Nicht um andere geht es, sondern um ihn selbst. Diese seine Situation, eine typisch bürgerliche Situation, macht sein Schicksal und den Sozialismus übernaupt zum Erlebnis großer Teile der bürgerlichen Jugend. Denn noch bevor diese eingespannt wird in die Interessen ihrer Klasse und durch Beruf und Gesellschaft Vorurteil der Umgebung zu ihrem eigenen geworden, packen Landauers Worte ihre Seele an dem wunden Punkt ihres Daseins, an ihrer Einsamkeit. Und mit vernichtenden Worten schildert er die Schuld der bürgerlichen Gesellschaft an der Verlassenheit und der Verlorenheit des Menschen. Mit aufgeregter, aufregender Stimme entlädt er seine Wut und seinen Haß gegen den Staat, den Ungeist, das Reglement, das anstelle des alles verbindenden Geistes tritt. Aber er löst auch die Starre der Glieder, die unter diesem gewaltigen Angriff einen jeden gefangen hält und fordert auf zur Selbsiprüfung, zur Erkenntnis der Teilhaberschaft an dieser Schuld. „ Schonet euch nicht, zu lange habt ihr euch geschont und zu lange eure guten Kleider, eure Haut und eure bis zur Verruchtheit zartfühlenden Herzen gewahrt! Sehet auf die Armen, die Elenden, die Gesunkenen, die Verbrecher und die Huren, ihr braven Bürger, ihr eingezogenen und gehaltenen Jünglinge, ihr züchtigen Mädchen und ehrbaren Frauen, blicket hin, auf daß ihr erfahret: Eure Unschuld ist eure Schuld, ihre Schuld ist euer Leben." Mit solchen seibstzerfleischenden Gedanken sprach Landauer aus, was viele junge Menschen in ihren satten Elternhäusern dachten, aber der Ausweg, wo dieser hinführen sollte, war ihnen nicht klar. Und Landauer sprach ihnen nicht von dem selbsttätigen Befreiungskampf des Proletariats, der dem gesetzmäßigen Ablauf das Schicksal der kapitalistischen Weltordnung entsprach. Er sprach das große befreiende Wort, der Sozialismus ist in euren Willen gegeben. Wollt inn und tut danacn, so werdet ihr ihn erreichen. Laßt ihr es aber, wird keine Stunde ihn als ein Geschenk eucii in den Schoß spielen. Das war ein Losungswort zur Voibereitung, es mußte wie eine Erlösung über das unvernehmbar zitternde Bangen kommen; sollten die Menschen zurückgestoßen werden in ihr altes Milieu, das sie überwunden, oder konnte ihnen ein Anteil, wenn auch ein bescheidener nur, an der sozialistischen Aufgabe eingeräumt werden?! Die Stellung dieser nur mit ihrem ethischen Wollen an die sozialistische Bewegung verknüpften Jugend wird natürlich immer wieder einer Selbstuntersuchung und ständiger Selbstkontrolle unterliegen, Die sozialistische Bewegung hat das stärkste Interesse an der Erfassung und geistigen Durch- 42

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.