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Der junge Jude · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Date
1929-06-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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daß das „Tagebuch" (Deutschlands aufrichtigste Wochenschrift) sich klar von der Anschauungswelt Landauers geschieden. Stefan Großmann, zeitweise Mitarbeiter Landauers, sonst auch hinlänglich als mutiger Tagesschriftsteller bekannt, setzt sich da mit dem absoluten Wollen Landauers auseinander und faßt den Gegensatz ihrer beiden Naturen in folgendem Bild zusammen, das ihre letzte Begegnung und zwar in einer Bedürfnisanstalt in München darstellt. „Er im Schiapphut und romantischem Havelock, ich mit einer empörend bürgerlichen Melone auf dem Köpf. Während wir unserer natürlichen Beschäftigung nachgingen, sahen wir einander an und grüßten uns schwach. Das war das letzte Kapitel einer Jugendfreundschaft." Dies sei hier zitiert, weil es zeigt, wie Landauer in den Augen der bürgerlichen und dabei noch der fortschrittlichsten und freiheitlichsten Zeitgenossen aufgefaßt wird. Hier hat ein Mann gesprochen, erhaben und mit Dünkel über diesen bis zuletzt jugendlichen Kämpfer Landauer. Aber trotzdem sei ihm unser Dank gewiß, weil er uns auf die Grenze der Verstehensmöglichkeit aufmerksam gemacht. Das Absolute, so groß, so vielgestaltig, es läßt sich nicht festlegen, in eine Formel bannen. Vielleicht vermag ein Wort Landauers selbst, das sich in einem seiner Briefe über Tolstoi findet, eine Wegdeutung sein, wie unser Verhalten ihm gegenüber sei: „Man neige sich nicht ehrfürchtig vor ihm, um schnell auf bequemere Wege abzubiegen, man folge ihm, indem man so nach strenger Prüfung, die nie enden darf, seiner eigenen Seele gehorcht, wie er der seinen." Dies Horchen auf das unendliche Ich, diese unendliche Forderung führt ihm den Geist der Jugend zu, macht seine Sache zu der der Jugend, die noch den Mut hat und die Fähigkeit, sich an sich selbst zu orientieren, die ihre Zielsetzungen noch aus der eigenen Brust und dem eigenen Sehnen schöpfen kann. Eine unendliche Aufgabe und eine unendliche Forderung, die ihren Sinn verliert und nicht verwirklicht werden kann, wenn der Mensch sein Ich läßt und sich nur einordnet in den dumpfen Marschtrht der Massen, wenn der Mensch seine gegenwärtige Existenz nicht voll und ganz ergreift und sich nur als Vor- oder Nachspiel einer historischen Situation betrachtet. Landauers Stellung zum Marxismus bedarf heute einer genauen kritischen Untersuchung. Der Begriff Marxismus hat derartige Wandlungen erfahren, daß er mit dem Schemen, dem Landauers erbitterte Angriffe galten, nicht mehr identisch ist. Jener Sozialismus, der von stibst kommt, ohne das Zutun der Revolutionäre, wird heute nicht mehr als confessio sine qua non angesehen. Und damit ist der Hauptangriffspunkt gefallen. Es muß einer solchen Untersuchung vorbehalten bleiben, zu prüfen, welcher Anteil Landauers unermüdlicher Kritik an dem marxistischen Lehrgebäude zu dessen genauer Sichtung und Aussondernng widerlegter Theorien zukommt. Doch es sollen damit nicht die Streitpunkte zwischen Landauer und dem Marxismus geleugnet werden. Die Differenz liegt zu tief, als daß sie sich beheben ließe. Ihre Motive sind psychologischer Art. Landauer erfaßte die Welt stets durch das Medium Mensch oder präziser Individuum. Die Verhaitungsweise des einzelnen den Erscheinungen der Welt gegenüber zu bestimmen und zu beeinflussen, war seine Aufgabe als Lehrer. Die Seele des einzelnen zur Entfaltung zu bringen und aus ihr die Schöpfung einer neuen Gemeinschaft als Wunschbild zu heben, war sein Tun. Man kann dies auch Dichten nennen, wie in ihm der Dichter steckte, ohne daß es in ihm zum Dichten gekommen wäre. Er war ein Dichter wie ein Maler ohne Arrne. Die Organe fehlten ihm, nicht um zu konzipieren, sondern daß Gestaltete von seiner Person zu trennen. — Doch die Lehre des Karl Marx sprach von anderem, von Völkern, Klassen, jedenfalls von großen Gruppen, und Gruppen haben keine Seele. Das ist das Privileg des Individuums. Was sollte der Marxismus ihm nun bedeuten, dessen Wort an das Individuum erging, nicht an eine Elite, an keine irgendwie geartete Auswahl von Menschen, aber doch an jeden einzelnen für sich. 41

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