Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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GUSTAV LANDAUER Der Zufall, daß diese Nummer unserer Zeitschrift entsprechend dem Turnus zweimonatlichen Erscheinens erst im Juni an den Leser gelangt, wenn schon volle 30 Tage das Gedenken an den Todestag Gustav Landauers zurückliegt, dieser Zufall möge ein gutes Zeichen sein, daß wir die Gestalt dieses großen reinen Menschen in unseren Alltag retten und in ihm, mit ihm denken und leben, auch wenn nicht die Erinnerung an diesen greulichen Mord uns Anlaß gibt, für den einer jener Edelmänner militaristischer Vergangenheit — wirklich Vergangenheit? — verantwortlich ist, der jetzt ungeschoren in der deutschen Republik herumläuft. Wir nennen nicht seinen Namen, weil wir nicht Haß säen wollen gegen eine blinde Seele, die in ihrer Beschränktheit schuldig geworden durch ein System menschlicher Beziehungen in einer kapitalistischen Welt, an deren Aufhebung mitzuarbeiten das lebenslängliche Bemühen Landauers gegolten hat. Doch er betrachtete diese destruktive Aufgabe nur als einen kleinen Sektor aus dem Ideenkreis seiner revolutionären Seele- Nur der Mensch, der heule schon bereit, das andere Leben, den Sozialismus zu leben, vermag wirksam die alte Welt aufzuheben, Landauers Haß gegen das alte kapitalistische System entlud sich in dem Gedanken der unterirdischen Unterhöhlung seiner Institutionen. Nicht mehr anerkennen die alte Ordnung, sich nicht mehr beugen unter die alten Götzen von Staat und Geld und Ordnung. Durch genossenschaftlichen Zusammenschluß heut schon und zu aller Zeit wirken, den Menschen im Menschen durch Beispiel wecken, als erster mittun, sich einsetzen mit seiner vollen ganzen Persönlichkeit. Wer solches fordert, muß sehen, den und den und noch einen an der Stelle seines Wesens zu packen, die seine Existenz lenkt und vorwärtsweist. Das ist aber sicher nicht der Intellekt, und somit ist die Bedeutung Landauers nicht aus irgend einer intellektuellen Leistung zu bestimmen, sondern nur aus dem Geistigen zu erfassen, das in sich die Wünsche und Triebe und Bedürfnisse des Menschen vermählt und deren Verwirklichungsmöglichkeit mit Hilfe der Erkenntnis prüft. Aber um diese Saite des menschlichen Wesens zum Klingen zu bringen, bedarf es jedoch einiger Voraussetzungen, wie sie sich wiederum nicht in ernste einfache Worte fassen lassen. Denn das Gedankenge webe, durch das Landauer sich und die Welt verbunden sehen wollte, ist von so urplötzlicher Eigenart und doch Selbstverständlichkeit, daß wir Menschen es heue fast nicht mehr aufnehmen und so von obenhin begreifen können, wir, die wir durch Konvention, Schranken, Klassenkluft, Scham, ängstliche Unterlegenheit nicht mehr die freie Anrede an den anderen wagen. Auch Landauer war solch ein Unfreier, aber er gab dem Drang zur Umkehr Stimme. Man sehe also, daß es keine Doktrin sein kann, die das Vermächtnis Landauers bildet, sondern ein Aufruf zum Sozialismus, zur menschlichen Verwirklichung. Und wenn noch feindliche Kräfte das Volle und Ganze wehren, so zumindest die Hand zu reichen zum sozialistischen Bund. Diesem einfachen starken Apell die Ohren verschließen, ist schwer; schwerer aber noch, der Stimme zu folgen. Denn es gibt keine Partei, keine Organisation, deren Mitgliedskarte die Antwort auf den Ruf ersparen könnte. Drum täuschen wir uns nicht, daß angesichts der Größe der von Landauer gesetzten Aufgaben aus der Fülle der Publikationen über den gemordeten Führer der Revolution Bereitschaft eines in der Oeffentlichkeit von Tag zu Tag wachsenden Kreises spreche. Mit dem Verklingen des Gedenktages wird auch* der Name wieder ins Unbestimmte tauchen. Auch nicht immer sprach der Geist des Toten aus seinen Gedenkartikeln. Die er bekämpft, und die ihn trotz ihrer Verfügungsmacht über die Soidatenhorde den Mördern in die Finger geliefert, vermögen vielleicht wegen allzu bösen Gewissens kein Verhältnis zu ihm zu gewinnen. Dagegen ist anerkennenswert, 40