Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
2 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Date
1929-06-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3497353-3497361-3497363--285-3497861
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DER WEG DER REVOLUTION Das Schauspiel, das sich nach vollzogenem ersten Akt der Eevolution in Deutschland ergab, wäre meiner innersten Ueberzeugung nach in jedem anderen Land unmöglich gewesen Es kam nämlich das Schauspiel, daß die, die maßlos im großen ganzen überrascht worden waren, auf einmal sich wieder erholten und sich sagten, nicht bloß sich sagten, sondern sofort in die Welt schrieen: es ist noch nichts geschehen, est ist gar nichts geschehen: erst müssen wir mitstimmen, erst muß die Nationalversammlung kommen, es ist noch gar nichts getan, erst muß auf Grund des Wahlrechtes das Volk zusammentreten und muß beschließen: da muß natürlich die Frage vorgelegt werden: ist die Eevolution zu Recht vollzogen worden? erkennen wir sie an? wollen wir die Republik, wie sie sich die Revolutionäre denken, oder wollen wir sie anders? wollen wir das Haus Wittelsbach wieder zurückrufen usw.? Das alles soll die Nationalversammlung erst noch einmal entscheiden. Ich bin tiberzeugt, es gibt einige gutgläubige Professoren die sich gar nichts schlimmes dabei denken, sondern die meinen, es muß alles auf diesem Wege Rechtens vollzogen werden. Revolution bricht Recht, Revolution schafft neues Recht, und das neue Recht ist nicht da, solange die Revolution da ist, das neue Recht wird gemacht, das neue Recht wird von schöpferischer Kraft gemacht. Da fragt kein Mensch mehr, ob es eine Mehrheit der Vergangenheit ist, die da zuständig ist, oder ob vielmehr die Gesamtheit der Zukunft es ist, die, wie sie in den vereinsamten Propheten Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch ganz alleiniglich gelebt hat, so jetzt vielleicht bloß in einer kleinen Gruppe lebt. Es ist die Zukunft, es ist die Gesamtheit, die immer sich kristallisiert zeigt in der Revolution; und die, die jetzt die Mehrheit spielen wollen, das sind Vergangenheitsmächte, das sind solche, die in Wahrheit, obwohl sie sich noch lebendig stellen, genau so tot sind, wie das alte System. Die Revolution wird Parteien zeugen, das haben die bürgerlichen Parteien gemerkt und haben sich darum gleich am 9. oder 10. November umkostümiert. So geht das nicht, daß man mit neuer Tracht eine neue Partei ist. Darauf fällt ein großer Teil des politisch unerzogenen deutschen Volkes vielleicht herein, vielleicht aber auch nicht. Nun, ich möchte, daß die Revolution so gut, so friedfertig und so kurz wie nur möglich geht; sollte es aber so kommen, daß die kommende Nationalversammlung oder der Landtag in Bayern eine Mehrheit des alten, des gar nicht mehr Seienden präsentiert, so ist das bloß ein Zeichen, daß der Weg der Revolution schwieriger und länger sein wird. Ich sage das nicht zur Warnung, ich sage das noch weniger zur Drohung, das liegt mir durchaus ferne, ich sage es, weil ich Revolutionäre und Revolution kenne, weil ich weiß, die Revolution weicht nicht, das Weichende, das Schwankende, das liegt in all denen, soweit sie ehrlich sind, die von der Revolution noch nicht ganz und recht berührt sind; und die Hoffnung ist, daß auch unter denen, die irgendwie von Parteien unter irgendwelcher Schlendrianparole gewählt sind, wenn sie unter die Einwirkung von Revolutionären kommen, gar manche innerlich erweicht, innerlich zart werden, daß sie dem neuen, dem uralt Echten, Gerechten und Freiheitlichen zugänglich werden. Das wollen wir hoffen, um des Friedens willen, damit wir schnell zu den ruhigen, geordneten Zuständen der Zukunft kommen, die wir wünschen. Wenn es aber nicht möglich ist; das erste auf unserer Fahne ist nicht Ruhe und Ordnung, daß erste auf unserer Fahne ist die neue Welt, der neue Geist, das neue Volk, der neue Zustand.J) *) Nach dem Protokoll der Verhandlungen des provisorischen Nationalrates des Volksstaates Bayern vom 18. Dezember 1918. 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.