Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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morgenländische oder sephardische und der abendländische oder aschkenasische Typ. Es müßte außerordentlich reizvoll sein, dem Werden dieser beiden Typen nachzugeben. Ich kann hier nur andeuten, was aufs engste mit meinem Thema zusammenhängt. Der Sepharde*) ist immer erdnäher geblieben als der andere, ist darum relativ geschlossener und einheitlicher. Er hat Ueberschuß an Phantasie. In seinem „portativen Vaterland" dem Talmud, bemächtigt er sich der Provinzen, in denen das Verborgene, das Geheimnisvolle, das Wunderbare blühen. Er ist der Schöpfer der Kabbalah und er erweist sich damit als Fortführer der Ideen der großen religiösen Initiatoren. Eingegliedert in die große spanischmaurische Kulturepoche, nimmt er an dieser Kultur sowohl rezeptiv als produktiv teil. Unsterbliche Dichter und große Philosophen bereichern um diese Zeit das jüdische Kulturgut. In die Geistesgeschichte des Judentums eingereiht, könnte man den Sepharden als den hagadischen, d. h. den irrationalen (s. messianische Bewegungen!) den religiösen, den prophetischen Typus bezeichnen. Ich sagte, daß der Sepharde erdnäher geblieben sei. Tatsächlich hat er sich kaum' von den Küsten des Mittelmeers entfernt. Spanien und Portugal, Südfrankreich, die Nordküste von Afrika, Klein-Asien sind seine Lebensstätten, Länder, von denen ich sagte, daß sie in einem ähnlichen Rhythmus schwängen wie Erez Israel. Zudem fand teils durch Handelsbeziehungen, teils durch dauernde Niederlassung eine ständige Berührung mit dem Mutterlande statt. Der aschkenasische Typ formte sich in den kühleren Bezirken der gemäßigten Zone. Wahrscheinlich fanden bei ihm viel früher als bei den sephardischen Mischungen mit den Wirtsvölkern statt. Und so wie diese selbst in kultureller Hinsicht weit hinter den Mittelmeervölkern zurückstanden, so ist auch die kulturelle Bereicherung, die das Judentum durch die Aschkenasim erfuhr, gering (gemessen an der Bereicherung durch die Sephardim). Der Aschkenasi ist in der Halacha zu Hause, er liebt das helle Tageslicht der Vernunft. Er ist, um ihn dem Sepharden gegenüberzustellen, der rationale, der mathematische, der priesterliche Typ. Mit dem ausgehenden Mittelalter beginnen die beiden Typen sich zu verwischen. Auch im Judentum verschiebt sich der geistige Schwerpunkt vom Mittelmeer nach Mitteleuropa (einschl. Osteuropa). Das jüdische Volk hat sich nun über den ganzen Erdball verbreitet. Es hat sich in einer Weise vermehrt, daß seine Bevölkerungszahl in Zeiten höchster nationaler Macht doch nur einen Bruchteil von der heutigen darstellte. Aber während die Juden bis vor kurzem, dank der allgemein Geltung der Tradition, eine starke geistige Einheit darstellten, mochten sie leiblich auch noch so zerstreut leben, so beginnen sie jetzt in Wahrheit Weltbürger zu werden. Noch wirkt zwar der Rhythmus Erez Israels weiter, aber schon hat er die Grenze erreicht, wo er nur noch als atavistische Gewalt Denken und Fühlen beeinflußt. Aber die Nation will, scheint es, nicht untergehen. Als eine fruchtbare Tatsache — ob erwünscht oder unerwünscht, ob ge- *) Sepharad Spanien. 14