Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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des Volkes erneuern das physisch zerrissene Band geistig. Von ihnen empfängt es sein Land, das die Geschichte ihm geraubt hat, aufs neue. Sonderbares Volk, das in Deutschland, Rußland, Polen usw. sommers um Tau betet und im Winter um Regen, das am Hüttenfest den Feststrauß schwingt von Zweig und Frucht aus einem fernen Lande und in Hütten lebt wie Beduinen, das Gebete spricht, in denen von Früh- und Spätregen die Rede ist, das zum Passah-Fest ein Brot ißt, dessen Form kein Volk Europas kennt, das sich zum Gebet in einen Mantel hüllt, wie ihn die Beduinen Palästinas tragen, das am achttägigen Knaben eine barbarische Operation vollziehen läßt, die so heilig ist wie die Taufe der Europas. Israel in der Galuth lebt unter dem Flügelrauschen seines Genius, im Rhythmus Erez Israels. Das Heiligtum., in welchem das Volk seinem unsichtbaren Gotte Opfertiere schlachtete, vermochte der Römer zu vernichten. Die Lehre blieb ihm, sein „portatives Vaterland" (Heinrich Heine), die wie in einem Akkumulator die rhythmischen Energien des Mutterbodens mit sich nahm in die Länder Nord-Afrikas und Vorder-Asiens, Süd- und Mitteleuropas. Wenn man — als Jude — nicht daran glaubt, daß der Messias einst kommen wird, umdas Gottesreich auf Erden zu errichten und Israel in sein Land zurückzuführen, oder wenn man — als Christ — auch daran nicht glaubt, daß Israel der Welt erhalten blieb, um durch sein Dasein und Leiden Zeugnis abzulegen dafür, daß der Messias in der Gestalt Jesu von Nazareth schon erschienen ist, dann könnte man diese Akkumulation rhythmischer Energien im jüdischen Volk als ein zweifelhaftes Geschenk ansehen. Denn sie war die Ursache, daß es nicht sterben konnte wie andere exilierte Völker, die Ursache eines zweitausend Jahre währenden Martyriums. Es wandert durch ungezählte Länder, erlebt bedeutende Renaissancen in Spanien, in Deutschland, in Polen usw. Von seinen reichen Gaben schenkt es mit vollen Händen der Menschheit. Aber es gelangt nicht mehr zur Einheit in sich selbst. Solange es unmittelbar im Rhythmus Erez Israels schwang, lebte es in Ganzheit und Vollkommenheit, wie nur ein bodenstämmiges Volk zu leben vermag. In der Galuth wandelt sich Gestalt und Wesen. Das Volk zeugt nicht mehr Menschen, von denen man schlechthin „Juden" sagen kann, sondern es formt jüdische „Typen". Sie sind ein Mischungsprodukt der in seiner Tradition konservierten rhythmischen Energien Erez Israel mit denen der Länder, in welchen sie wohnen. Da aber der Zustrom solcher Energien — weil ja doch eine Verwurzelung mit dem betreffenden Lande nicht erfolgt — schwach ist, so wirkt er sich weniger an seinem Geistigen, als am Volkskörper aus. Genauer ausgedrückt: Nachdem das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung dazu gedient hatte, den talmudischen Lebensstil zu umreißen, ihn zu festigen, ihn zu verteidigen und endlich zu entschiedener Geltung zu bringen, bilden sich im zweiten Jahrtausend verschiedene Typen des Volkskörpers: Allmählich formen sich nämlich der 13