Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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sal vom Sündenfall bis Hiob; das heiße Ringen der Menschenseele um Gott von Jakob bis zu David und den Psalmisten und endlich der nagende Zweifel des Menschengeistes von Kain bis Koheleth — — — sie haben in der Geschichte der Menschheit keine Erweiterung mehr gefunden. Auf kleinstem irdischen Räume in einem kleinen Volke ist alles das Wesen geworden, was die andern Völker der Erde in ihrer Gesamtheit und in Jahrtausenden auch nicht zu übertreffen vermochten. Ist eine solche Produktivität anders denkbar, als daß man sie auf die ungeheure Kraftquelle rhythmischer Energien zurückführt, aus der dies Land sein Volk speiste? Auch die Erde Griechenlands hatte sich als ein besonders „begnadetes" Land erwiesen. Auch hier gestaltete der kosmische Rhythmus in wenigen Jahrhunderten ein großes Werk, ebenbürtig dem, was er in Palästina zeugte. Aber das Griechenvolk gab sich in dieser Zeit ganz aus. Es ging unter, d. h. es wurde unschöpferisch. Dem jüdischen Volk widerfuhr ein Schicksal, das kein anderes Volk der Erde überdauerte; es lebte weiter, auch nachdem es ins Exil gewandert war. Es lebte weiter und blieb schöpferisch, d. h, der Mutterrhythmus Erez Israels wirkte in den Entwurzelten weiter fort. Zwar ist die fruchtbarste Epoche jüdischen Geistes mit der Niederschrift der ersten Evangelien abgeschlossen. Aber es formte sich — z. T. noch auf palästinensischen Boden, z. T. im babylonischen Judentum, das wie durch eine Nabelschnur mit dem Mutterlande verbunden geblieben ist, der Lebensstil des jüdischen Volkes. Und wenn es richtig ist, daß erst das Volk, welches zu einem einheitlichen Lebensstil gelangt ist, in Wahrheit ein Kulturvolk genannt zu werden verdient, so ist es von Bedeutung, daß das jüdische Volk ein Kulturvolk wurde, nachdem es von seiner Muttererde losgelöst worden war. Nach der erdgebundenen Epoche der Genies, der einsamen Gottesstreiter — die ihren Niederschlag in Bibel und Evangelien fand — die Epoche des formenden Volksgeistes, die mit dem Talmud ihren Anfang nahm. Nun in der Zerstreuung kristallisiert sich dieser talmudische Lebensstil, die jüdische Kultur zu immer klareren Formen bis zu jener endgültigen, die den Juden bis in die jüngste Vergangenheit hinein als eine Erscheinung kennzeichnet, die zwar alle Merkmale einer beginnenden Entartung aufweist, die aber andererseits Zeugnis ablegt von der unversiegbaren Schöpferkraft einer Nation, die ihren Lebensrhythmus von dem begnadetsten, vom Herzen der Länder empfangen hatte. VI. Die unmittelbare Kraft Palästinas für das jüdische Volk ist erloschen. Aber mittelbar wirkt sein Rhythmus weiter fort in der talmudischen Tradition. Hagadah und Halacha*), Herz und Hirn *) Hagada=Verikündigung, Erzählung, Sage. Halacha=ietwa: Rechtsentscheidung. Durch die Halacha wird1 das religiöse und soziale Leiben bis in seine letzten Bezirke geregelt. Sie ist die eine, die rationalle Kraft, die den Lebensstil^ die Kultur des Judentums formte. Die andere, die irrationale, ist die Hagada, welche das strenge Gesetiz in die Glut des religiösen Erlebnisses eintaucht- 12