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Der junge Jude · 1931-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1931) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1931)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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auf den letzteren zurückzuführen ist, kann die Kultur Nord- und Mitteleuropas als abendländisch bezeichnet werden. Es scheint mir aber zweifelhaft, ob da überhaupt schon von Kultur geredet werden darf. Der Rhythmus der Abendländer, aller fremden Hilfe bar, reicht wohl nur zur Hervorbringung großer Persönlichkeiten aus, er vermag aber nicht ganze Völker in seine Schwingungen aufzunehmen. Der Protestantismus eroberte dem Menschen die Welt, aber die Welt fand keinen Platz in der Seele des Menschen, die beherrschte Materie und der herrschende Mensch stehen seitdem einander feindlich gegenüber. Noch in der christlich-hellenistischen Renaissance vermochten die größten Techniker und Erfinder auch die größten Künstler zu sein. Beide Kräfte, die schaffenden und die machenden, brachen aus einer Seele. Wenn Michelangelo einen Marmor behaute, so war das nicht ein Kind, dem er zu Leibe rückte. Er hat es viele Male ausgedrückt, daß er nichts anderes tue, als dem Stein zu der Vollkommenheit zu verhelfen, nach der er sich sehne. Das Abendland schreitet vorläufig zu unerhörter Vollendung der Mechanik. Vielleicht wenn das Auge zu dem neuen Sehen und das Ohr zu dem neuen Hören gelangt sein wird, zu dem Film und Radio sie führen; wenn der Verstand die Vollkommenheit erreicht haben wird, auf die die Mechanisierung der Wissenschaften hinzielt — vielleicht, daß dann die schöpferische Stunde des Abendlandes anbrechen wird---wenn es nicht vorher an der Mechanik erstarrt. Schon blickt es ja wieder, Hilfe suchend, nach dem Orient. V. Aber das Herz der Länder ist Erez Israel. Das ist ein uralter jüdischer Glaube. Ich weiß nicht, wie alt er ist. Wir finden ihn bei Jehuda Halevi und den Kabbalisten bis zu den Chassidim unserer Tage. Es ist ein stolzer Glaube, eines Volkes würdig, das sich als das von Gott auserwählte ansieht. Das Herz ist das Organ, welches den Rhythmus des Kosmos im körperlichen Menschen am kräftigsten manifestiert. Und das „Herz" der Länder ist das Land, das am stärksten mit rhythmischen Energien geladen ist und für die „Durchleitung" des kosmischen Rhythmus ein Stoff geringsten Widerstandes ist. Es ist das von allen Ländern am meisten „begnadete44. Auch ich glaube, daß Erez Israel das Herz der Länder ist. Denn wenn das richtig ist, was ich oben sagte, daß das rhythmische Vermögen eines Landes nachträglich erkennbar wird in der Geschichte der Geschlechter, die in ihm wandeln, dann muß, nach dem ungeheuren Reichtum seiner Geschichte zu urteilen, Erez Israel das „begnadetste" von allen Ländern sein. Kaum fünfhundert Jahre umfaßt die eigentlich schöpferische Epoche unseres Volkes. In dieser Spanne hat es alles das durchlebt und erfahren, was Menschen und Völker geistig durchleben und erfahren können. Die religiösen und sozialen Ideen der Propheten von Arnos bis Jesus, die ewigen Fragen des Menschenherzens über den Zusammenhang von Menschenschuld und -schick- 11

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