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Der junge Jude · 1931-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1931) · page 9

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Journal
Der junge Jude
Volume
4 (1931)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1931)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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der Menschen zu ihrem Lande aus dem Grenzenlosen, dem Kosmos geworden sind. Und viel wichtiger als die Kenntnis der Beziehungen ist das Wissen um den einen, ewigen und unteilbaren Zusammenhang von Mensch und Erde: den kosmischen. Daß wir Juden so leicht an diesem Wesentlichen vorbeigehen! Und wir sind doch sonst so produktiv im Auffinden aller möglichen Zusammenhänge! Aber uns fehlt die kräftigste, die Ur-Bindung mit dem Kosmos: die erd- und dinghafte. Aber sie ist einmal vorhanden gewesen. Wie mk scheinen will, in besonders kräftiger Weise. Wie ist sonst Rosch-haschanah la-ilanoth — das „Neujahrsfest der Bäume" — ze verstehen?*) Wie gewaltig mußte der Rhythmus der Natur unsere Väter ergriffen; haben, wenn diese feinste, unmerklichste seiner Regungen, der Beginn des Kreislaufes der Säfte in den Bäumen noch heute im Gedächtnis der seit zweitausend Jahren Entwurzelten schwingt. Ich weiß nicht, ob von der modernen Naturwissenschaft dieser Zeitpunkt des Beginns der Saftzirkulation in den Bäumen anerkannt wird oder ob er überhaupt bekannt ist. Aber da fällt mir ein Brief der Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis ein, in welchem sie in der Mitte Januar Beobachtungen über den Beginn des Kreislaufes der Säfte mitteilt. Sie schreibt am vierzehnten Januar: „Wissen Sie, daß der Anfang des Frühlings in der organischen Welt, d. h. das Erwachen zum Leben jetzt beginnt, Anfang Januar, ohne auf den KalenderfrüMing zu warten. Während nämlich nach dem Kalender erst der Winter beginnt, befinden wir uns in der größten astronomischen Sonnennähe und dies hat eine so geheimnisvolle Wirkung auf alles Leben, daß auf unserer nördlichen Halbkugel, die im Winterschnee eingehüllt ist, zu Beginn des Januar wie mit einem Zauberstab die Pflanzen- und Tierwelt erweckt ist/4 Es ist sicher kein Zufall, daß sie, die Jüdin, diese Beobachtung macht. Denn die erdhafte Bindung des Juden mit dem Kosmos ist im Grunde nie zerrissen worden, sie bestand und besteht fort durch das Mittel Erez-Israel. Die Ausdrücke „Bindung mit dem Kosmos", „kosmischer Rhythmus44 bedürfen einer Erklärung, da sie noch kein Heimatrecht im täglichen Sprachbuch haben, und nicht eindeutig das auszudrücken vermögen, was mit ihnen gemeint ist. Man kann sie nicht in Worte des Alltags übersetzen, man kann sie nicht einmal umschreiben. Ihre Funktionen sind aufzudecken und gewisse Gesetze *) Rosch haschanah la-ilanoth das Neujahrsfest der Bäume ist ein uraltes jüdisches Volksfest- Am 15. Schwath (etwa Januar) ging die jüdische Jugend auf die Berge und in die Täler und pflanzte Bäume. Bei den Ostjuden wird dieses Fest noch heute gefeiert, indem man Mandeln, Rosinen, Orangen und andere Früchte ißt, die in Palästina wachsen und Segenssprüche dazu sagt- Durch den Zionismus ist der ursprüngliche Charakter des Festes wieder hergestellt Am 15. Schwath wandert die palästinensische Jugend — von den kleinsten an, die den Kindergarten besuchen, bis zu den Abiturienten der höheren Schulen.' — hinaus ins Freie und pflanzt Bäume. 7

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