Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die Aufgaben eines wirklichen Theaters in Palästina. Wer Zeuge des Zusöjniimenströrnens der Menge von allen Orten des Landes zum Purimikarnevad in Tel-Awiw und anderen Orten war, wird sicher durch die Sorglosigkeit und die Trunkenheit mitgerissen worden sein, denn auf einmal dachte niemand an die Arbeit, vergaß jede Not und Arbeitslosigkeit, um sich am Feste zu beteiligen, um mit der Menge zu jubeln, um Entspannung zu finden. Dieser Augenblick zeichnet das gesamte Palastina aus. Dieser Lebenswille eucht seine Kunstform und diese 60.11 das wirkliche Theater .sein. Das hebräische Theater in Palästina soll profan sein. Die Straße, die Menge will ihren großen Sprecher haben. Es gibt nichts Heiliges, keine Kultur, keinen Stil in Palästina. Es gibt keine Tradition, aber eine weitausreichende Potenz, einen Willen in diesem w Tohuwabohu« der Einwanderer aus der ganzen Wel/t, tiui diesem Gemisch von polnischen, russischen, deutschen, bucharischen, jemenitischen und kaukasischen Juden. Das Theater soll verstehen das zusammenzufassen und aus dieser Fülle und Intensität den wahren und kostbaren Kern einer neuen und einheitlichen Kultur zu finden. Hier muß eine Kultur geschaffen werden, die nicht viel gemein -mit der GaluthVergangenheit haben und nicht immer die europäische Zivilisation nachahmen »soll. Das Leiben in Palästina ist eigenartig und soll eigenartig bleiben. Dieses Leben ist »ohne Krawatte«, weil die Wirklichkeit es fordert. Das wirkliche Theater wird das neue Kleid finden, das eigenartige Gewand schaffen, — es soll aber nicht das europäische nachahmen, um nicht der Gefahr der Levante zu verfallen. Das Theater von jetzt muß Theater der Wirklichkeit sein, Theater der (Revolution, der jüdischen Revolution, Theater der Bewegtheit, der sozialen Bewegtheit. Das Theater wird den neuen Schriftsteller zum dramatischen Schaffen anregen, ihn zum intensiven Suchen origineller «Formen zwingen. Das hebräische Theater muß die Initiative beim Schaffen der Volksfeste fassen. Das wird den Malern und Musikern eine Menge von Möglichkeiten geben. Das Theater wird dem Volke den volkstümlichen Tanz geben, künstlerisch gestalten, es wird das Kleid und den Stil geben müssen, es wird das Volkslied der Straße, dem Dorf und dem Kinde geben, denn es soll und wird immer aus dem Volke für das Volk schlaffen. So wird sich vom Theater aus der neue Volkschoir gestalten, eine Tradition beginnen, die doch eine Vorbedingung einer wahren volkstümlichen Kultur ist. Die Frage der Sprache und des Dialektes muß das Theater lösen, denn das Hebräische muß seine Starrheit verlieren, und durch die Schöpfung neuer Volksausdrücke bereichert werden. Vielleicht werden wir in naher (Zeit das hebräische Fluchen, das noch ibis jetzt die Sprache im eigentlichen Sinne nicht besitzt, auf der Bühne hören können. Was das Repertoir betrifft, so soll es in seinem größten Teil aus Dramen bestehen, die aktuelle, soziale und politische Problematik behandeln. Das Thema und Sujet soll nicht nur das naheliegende Erlebnis von Palästina sein, sondern auch das allgemeine Weltgeschehen, denn Palästina darf keine vereinzelte geschichtliche Episode bleiben, es will in der großen Front des menschlichen und sozialen Fortschrittes seinen wichtigen Platz finden. Es soll sozial-tendenziös sein, weil die ganze Epoche nur in sozialer Umbildung ihren Sinn hat. So muß auch das biblische, wenn es modern und zeitlich verständlich sein soll, sein heiliges Gewand fallen lassen, sozial profan interpretiert werden, und nicht als starre, sondern lebendige Antike gezeigt werden. Das Theater soll uns das damalige Volk zeigen, soll uns den lantaken Bauern, den Propheten menschlich »zeigen, nicht in seinem überirdischen Pathos, sondern im irdischen Leiden des menschlichen Erkennens. Wenn der Tenach so interpretiert wird, kann er eine uner- 108