Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1930-05-01 · Heft 3 (Mai 1930) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 3 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3497353-3497367-3497370--564-3497610
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Grund dessen erfolgt, daß andere, die anders leben, darüber „erzürnt" sind, muß nach seiner innerlichen Logik noch stärker das Verlangen erwecken von uns weitere Verzichte zu fordern. Wenn wird z. B. auf das Erntefest wie wir es auffassen, verzichten werden, wird der Kulturkampf gegen uns, gegen die „Entheiligung von Fest und Schabbat" keinen Abschluß finden. Nach diesem Verzicht werden die Orthodoxen logischerweise verlangen, daß man die 1. Mai-Feier aufgibt, wenn sie auf den Schabbat fällt und laut der im Emek üblichen Festform mit Fahren, Eeiten, Turnen usw. verbunden ist. Sie werden das Aufgeben jöder Gau- und Sportveranstaltung am Schabbat und religiösen Feiertag fordern (was faktisch meistens einen vollkommenen Verzicht auf derartige Veranstaltungen bedeutet, weil wir keinen anderen freien Tag dafür haben) und uns überhaupt dazu verpflichten, in unserem persönlichen und öffentlichen Leben sich nach dem Willen und den Begriffen der Hüter der Ueberlieferung zu benehmen. Wenn wir diesen „religiösen" Standpunkt als berechtigt anerkennen wird es kaum möglich sein, die Ehe vor dem Eingreifen des Eabbinats zu schützen, die Freiheit der Küche, das Eecht auf freie Verpflegung am Pessach usw. zu verlangen, denn man kann es nicht leugnen, daß von diesem Standpunkt aus die nur standesamtliche Trauung, die nichtkoschere Küche und sogar die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben und ihre Gleichstellung nicht weniger „beleidigend" wirken, als das Fahren am Schabbat... Dieses wird noch deutlicher, wenn wir uns daran erinnern, daß das Geschrei über „Kränkungen" hauptsächlich nicht von denjenigen Menschen kommt, deren Eeligiosität sich nach Innen äußert — denn niemand tastet die Lebensfreiheit der Orthodoxen an: Der Lärm wird ineistens von Parteien und Gruppen organisiert, denen der „Schutz der Eeligion" eine Bedingung für ihre politische Existenz ist. Jeder Sieg auf diesem Gebiete weckt, wie jeder politische Sieg, die Kriegsfanfare und reizt dazu, die Angriffsfront zu erweitern, ganz besonders, wenn daß Ende des Kampfes und die Stillegung der Hetze überhaupt unerwünscht sind. Die Genossen, die uns Verzicht anraten, setzen den moralischen Wert unserer Arbeiterkultur herab. Sie beunruhigen das innere Erlebnis der Arbeiterschaft durch schwere Wiedersprüche, sie unterbinden den freien Aufbau der sozialistischen Schaffenskultur, der einzigen wahren religiösen Kräfte der neuen Welt. Wir werden diesem Kampf nicht entgehen können. Dieser Kampf ist ein Teil des umfassenden Klassenkampfes des Arbeiters für die Befreiung des Volkes. Hier gibt es keinen noch so kurzen Frieden ohne ständige Kampfbereitschaft. Im Gegensatz zur „Verteidigung der Eeligion", die nur ein verschleierter Angriff auf Andersgesinnte ist, ist dieser Kampf ein wahrer Verteidigungskämpf. In dieser Auseinandersetzung müssen wir ein wenig aus der Erfahrung unserer Bewegung lernen. Nicht nur das selbständige menschliche und sittliche Sein des jüdischen Arbeiters hat „verletzt". „Verletzt" hat seinerzeit (und teilweise jetzt noch) seine umfassende klassenmäßige Organisierung in der Histadruth. Es „verletzte" und wird noch viele Jahre „verletzen", sein selbständiges gemeinsames Siedlungswerk. Auch unsere kulturelle Tätigkeit beunruhigt „die Besten des Volkes." Denn überhaupt die Existenz einer klassenbewußten Arbeiterschaft, ihr Kampf für ihre Bestimmung in der 95

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.