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Der junge Jude · 1930-05-01 · Heft 3 (Mai 1930) · page 14

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 3 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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des von ihnen postulierten Friedens und der Kühe, daß die größte Gemeinschaft im Lande auf ihre Gebräuche Verzicht leisten soll. Daß man auch den Arbeiter durch dieses Verlangen verletzt, befürchtet man wahrscheinlich nicht. Von ihm kann man fordern, was man von der kleinsten Gemeinschaft im Lande nicht gefordert hätte, Diese eigenartige Beziehung, die Art der anmaßenden Forderung bezüglich der Arbeiterfeste hat ihre Wurzel nicht so in den unterschiedlichen Formen unserer Feiertage. Denn die Sitten der vielen jüdischen Gemeinden zeigen auch wesentliche Unterschiede auf. (Aschkenasim und Sephardim, streng orthodoxe und reformierte in der Art von Herrn St. Wise, die ohne Kopfbedeckung beten, usw.*) Diese leichtsinnige und unverantwortliche Einstellung vieler bürgerlicher Kreise zu den Festen der Arbeiterschaft, ihre Mißachtung der tiefsten Gefühle und geistigen Bedürfnisse des Arbeiters folgt, sofern es nicht aus der Feindschaft zur Arbeiterklasse kommt, daraus, daß die geringste menschliche Achtung vor dem selbstständigen Kulturschaffen der Arbeiter fehlt. Es fällt dem Bürger schwer, sich mit dem steigenden kulturellen und moralischen Wert der Arbeiterklasse abzufinden. Bedauerlicher Weise gibt es auch unter uns Genossen, die von den Maßstäben des Bürgertums unbewußt beeinflußt sind. Es gibt aber noch eine andere Art, die Gefühle der Orthodoxie zu „beleidigen". Diese beruht nicht auf der Störung irgend einer ihrer Lebensformen, sondern auf der Tatsache an sich, daß jemand anders als die Orthodoxie lebt. Das Mittelalter ist die gelobte Quelle dieser Erscheinung. Damals war die religiöse Toleranz im besten Falle zwischen den Staaten geübt, aber innerhalb jeden Staates wurde eine andere Eeligion als störend und aufreizend empfunden, und endlosen Verfolgungen ausgesetzt. Im Namen von beleidigten Gefühlen und Kränkungen dielser Art verlangt man von uns die Preisgabe unserer Feste und Sitten. Die Umgestaltung des Erntefestes im Emek wird keineswegs deshalb gefordert, weil man in ihm eine Störung oder eine Hetze gegen anderes (orthodoxes) Feiern vermutet. Man verlangt von uns die Abänderung und die Verstümmelung der Feier deshalb, weil sie mit Eeiten und Fahren verbunden, gewisse orthodoxe Kreise verletzen kann aus der einfachen Tatasche heraus, daß sie sich anders benehmen. Derartig „gekränkte" und „beleidigte" Gefühle zu befriedigen, bedeutet nicht nur eine Untergrabung der Freiheit der Arbeiterfeste, sondern vielmehr einen Anfang der Auflösung aller Grundlagen einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft, die auf das Kecht des Menschen auf Eeligion und Glauben, Fest und Sitte nach seinem inneren Ermessen aufgebaut ist. Und wenn der eine oder der andere aus Großzügigkeit oder Gleichgültigkeit dem zustimmen wird, ist es doch sonderbar zu glauben, daß eine ganze Klasse, die ihre Feste mit dem selben Ernst, wie ihren Werktag lebt auf die Dauer, auf ein Eigenschaffen verzichten kann. Aber hätte auch die Arbeiterklasse demnach auf einige Ausdrücke seiner Feste „verzichtet", ist es falsch zu glauben, daß dadurch eine Beruhigung seitens der „Erzürnten" kommen wird. Im Gegenteil: jeder Verzicht auf eine Form unseres Lebens, die auf *) Die Führer des Misrachi verstehen, mit diesen Reformierten gemeinsam 'zu arbeiten und sich ihnen gegenüber respektvoll zu verhalten. 92

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