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Der junge Jude · 1930-05-01 · Heft 3 (Mai 1930) · page 9

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Journal
Der junge Jude
Volume
3 (1930)
Issue
Heft 3 (Mai 1930)
Date
1930-05-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kaufkraft der Bevölkerung, nicht bloß auf der kapitalistischen Seite für Produktionsmittel, sondern auch auf der proletarischen Seite für Konsumgüter, ist unverkennbar, und es ist nicht einzusehen, warum dieser Prozeß — von den periodischen Störungen der Wirtschaftskrisen abgesehen — auf größere Schwierigkeiten stoßen sollte als bisher. 2. Ist die Aufnahmefähigkeit für Kapital nicht nur in den Neuländern, sondern auch in Europa noch unübersehbar. Das Signum der heutigen Zeit ist nicht Kapitalüberfluß, wie es nach der Zusammenbruchstheorie sein müßte, sondern im Gegenteil schwerster Kapitalmangel. Selbst wenn aber auch einmal der dringendste Kapitalbedarf gedeckt sein wrird, wird noch immer genug Kapital für jene Anlagen gebraucht werden, die heute knapp unter der Schwelle der Kentabilität liegen, d. h. sich nicht ganz so hoch verzinsen, daß sie bei den heutigen Zinssätzen Kapital an sich ziehen könnten. Daraus ergibt sich, daß der imperialistische Kampf, der Kampf um Eohstoffe und Kapitalinvestitionsgebiete, noch lange nicht ab-, geschlossen ist. Andererseits erstarken aber mit der fortschreitenden kapitalistischen Entwicklung in den Kolonien die Kräfte, die zur Emanzipation von den Erobererländern drängen, und der Sieg der Emanzipationsbewegung ist auf die Dauer ebensowenig aufzuhalten wie seine Ursache, die Verwandlung der Kolonien in kapitalistische Länder. So erfüllt also die finanzkapitalistische Expansion ihre historische Mission: die Ausdehnung des Kapitalismus über die ganze Welt. Inzwischen aber und längst bevor, selbst nach der Auffassung der Zusammenbruchstheorie, die Ausdehnung des Kapitalismus auf die ganze Welt die Absatzschwierigkeiten verschärfen könnte, geht im Innern der Wirtschaft ein Umwandlungsprozeß vor sich: das Erstarken der Organisierungstendenzen innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft auf der einen Seite und das Erstarken des proletarischen Einflusses auf der anderen Seite. Auf der einen Seite wird die freie Konkurrenz durch mächtige Kartelle und Trusts zurückgedrängt, auf der anderen Seite erobert das Proletariat im Staat immer mehr Einfluß und zwingt ihn, organisierend und regulierend in die Wirtschaft einzugreifen. So wird der Weg zum Sozialismus durch inneren Prozeß der Gesellschaft gebahnt und nicht durch einen äußeren ökonomischen Zusammenbruch. Diese Auffassung über die gesellschaftliche Entwicklung entspricht auch vielmehr der materialistischen Geschichtsauffassung als die Zusammenbruchstheorie. Nach der materialistischen Geschichtsauffassung erzwingen keineswegs die ökonomischen Verhältnisse als solche aus einem inneren Mechanismus heraus die Umbildung der Gesellschaft, sondern die ökonomischen Verhältnisse üben eine gesellschaftliche Wirkung nur aus durch die sozialen Kräfte, die von ihnen wachgerufen werden. Die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse und die Entfaltung der kapitalistischen Produktivkräfte erzwingen nicht von selbst die sozialistische Revolution. Sie verursachen sie dadurch, daß sie eine Klasse schaffen, der infolge ihrer Stellung im Produktionsprozeß der Sozialismus zum Ideal werden muß und daß sie dieser sich zur sozialistischen Gesinnung entwickelnden Klasse zu einer immer stärkeren und schließlich unbezwinglichen und alle Widerstände bezwingenden Machtstellung verhelfen. 87

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