Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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eingangs geschilderten wirtschaftlichen Judennot ist. Andererseits darf aber auch nicht verkannt werden, daß eine noch so vergrößerte Auswanderung nicht in der Lage ist, alle die Schäden zu heilen, die die kapitalistische Wirtschaft dem jüdischen Volke geschlagen hat. DIE WANDLUNGEN DER KAPITALISTISCHEN AUSSENBEZIEHUNGEN UND DIE ZUSAMMEN¬ BRUCHSTHEORIE. Von Alfred B r> a u n t Ii a 1. Aus einem Referat, gehalten anläßlich des Hechaluzseminars in Zossen. In den wirtschaftlichen Beziehungen und im wirtschaftlichen Gewicht der einzelnen kapitalistischen Länder sind seit dem Kriege gewaltige Verschiebungen eingetreten. Europa ist durch die schweren Kriegs Verluste, durch die Zersplitterung Mitteleuropas und die neuen Grenzziehungen, aber vorübergehend auch durch die Umwälzung der Agrar-Verhältnisse im Osten und speziell die bolschewistische Revolution, in der Produktion und im Welthandel schwer zurückgeworfen worden und beginnt erst in den letzten Jahren, den Rückschlag allmählich wieder auszugleichen. Noch immer aber ist der Anteil Europas an der Weltproduktion und am Weltaußenhandel, der vor dem Kriege überragend war, wesentlich niedriger als damals. Dieser relative Rückgang erklärt sich freilich auch noch aus zwei anderen Erscheinungen: dem Aufstieg der Vereinigten Staaten und dem Industrialisierungsprozeß der neuen Länder. Der Aufstieg der Vereinigten Staaten datiert nicht erst seit dem Kriege. Die Vereinigten Staaten bergen die reichsten Naturschätze der Welt in außerordentlich .transportgünstiger Lage, und der gewaltige Zustrom von Kapital und Arbeitskräften aus Europa brachte schon in den Jahrzehnten vor dem Kriege das Land zu märchenhafter Blüte. Im Kriege wurden die Vereinigten Staaten der wichtigste Weltlieferant, ihre Produktion und ihr Reichtum konnten gewaltig gesteigert werden. Auch in den Kapitalverkehrsbeziehungen drückt sich die Verschiebung des Schwergewichts zwischen Europa und den Vereinigten Staaten aus. Vor dem Kriege waren die wichtigsten Kapitalausfuhrgebiete England. Frankreich und Deutschland, Kapitaleinfuhrgebiete nicht nur die Kolonien und Rußland, sondern auch die Vereinigten Staaten. Nach dein Kriege haben sich diese Verhältnisse nahezu umgekehrt. England ist zwar noch immer ein sehr wichtiges Kapitalausfuhrgebiet geblieben, aber Frankreich beginnt erst allmählich wieder mit der Kapitalausfuhr, und Deutschland ist das Land mit der stärksten Kapitaleinfuhr geworden. Demgegenüber sind die Vereinigten Staaten heute das wichtigste Kapitalausfuhrgebiet der Welt. In den Neuländern schließlich (in den Kolonien und den Kolonien ähnlichen Ländern) hat sich der Industrialisierungsprozeß, der schon vor dem Kriege zu beobachten war, infolge des Versiegens der industriellen Einfuhr von Europa her während des Krieges beschleunigt. Er besteht im wesentlichen darin, daß die kolonialen Rohstoffe, die in diesen Gebieten gewonnen werden, allmählich in ihnen selbst weiterverarbeitet werden, wenigstens bis zu einer gewissen Verar- 85