Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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hoffen. Das liegt im Wesen der Sache, denn Wirtschaftspolitik kann nur auf Grund der Herrschaft über wirtschaftliche Machtmittel betrieben werden. Es könnte nur durch Machtmittel, die uns nicht zur Verfügung stehen, erreicht werden, daß der Boykott des jüdischen Angestellten dort, wo er heute getrieben wird, ganz aufhört. Auf diesem Gebiete kann nur versucht werden, durch politische Maßnahmen die öffentlichen Körperschaften zu bestimmen, in ihren eigenen Betrieben eine Benachteiligung von Juden zu unterlassen. Endlich kann durch einen gewissen moralischen Druck der jüdischen Gemeinschaft auf jüdische Arbeitgeber dahin gewirkt werden, daß diese eine zu große Aengstlichkeit bei der Einstellung jüdischen Personals überwinden. Man darf aber die Wirkung einer derartigen „Wirtschaftspolitik", deren bewegende Kraft das schlechte Gewissen ist, nicht überschätzen. Der einzelne kann sich vor allen Dingen diesem Druck sehr leicht dadurch entziehen, daß er seinerseits zum Angriff übergeht und mit der Austrittsdrohung aus der Gemeinde sich den ihm ungerechtfertigt erscheinenden Zumutungen entzieht. Viel wesentlicher ist der Versuch, aus der schwierigen Wirtschaftslage durch eine systematische Berufspolitik herauszukommen. Hier paßt man sich bewußt der wirtschaftlichen Entwicklung an und sucht gerade dadurch ihren schädlichen Auswirkungen zu entgehen. Hier ist die wirtschaftliche Triebkraft der heute stark einsetzenden Berufsumschichtungs-Bewegung der Juden in Deutschland. Auch dieser Weg führt zum größten Teil ins Proletariat. Dia Propaganda für den Beruf des gelernten Arbeiters unter den Juden, die heute besonders von denjenigen Stellen geführt wird, die die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Juden aufmerksam verfolgen, geht davon aus, das auch in Zukunft der gelernte Arbeiter günstigere Aussichten hat als der kaufmännische Angestellte. Diese Propaganda für den Beruf des gelernten Arbeiters wird aber nur dann auch moralisch gerechtfertigt sein, wenn ausreichend berücksichtigt wird, daß auch heute der TJebergang zum Proletariat ein außerordentlich schweres und gewöhnlich nur aufgezwungenes. Schicksal darstellt. Der Widerstand gegen die proletarischen Berufe in der Diaspora der sich heute bei den meisten Eltern und auch sehr viel Jugendlichen findet, ist nur dann ein unberechtigtes soziales Vorurteil, wenn tatsächlich kein begründeter Ausweg als der in das Proletariat individuell gegeben ist. Die kaufmännischen Angestellten und die gelernten Arbeiter stellen auch heute noch trotz wirtschaftlicher Gleichstellung zum Teil verschiedene soziale Schichten dar. Lebensgewohnheiten, Kleidung und kulturelle Bedürfnisse unterscheiden auch heute noch den kaufmännischen Angestellten vom Lohnarbeiter., Daß dabei die menschliche und wirtschaftliche Basis des Lohnarbeiters häufig eine solidere ist als die des kaufmännischen Ange*- stellten bedeutet hierfür keinen Unterschied. Der kaufmännische Angestellte glaubt als einzelner auch heute noch, „den Marschallstab" des Generaldirektors zu haben. Abgesehen davon muß auch hier darauf hingewiesen werden, daß das Eindringen in neue Berufe den! Assimilationsprozeß beschleunigt. Auf dieses Problem soll noch einmal besonders eingegangen werden. Der zuletzt genannte Weg der Auswanderung bedarf an dieser Stelle keiner besonderen Darstellung. Für uns steht Palästina als Auswanderungsland an erster Stelle, wobei es keinem Zweifel unterliegen soll, daß die Alijah nicht etwa nur der Ausweg aus jener 84