Mannheim
Compact Memory

Der junge Jude · 1928-03-01 · Heft 3 (März 1928) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (März 1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 94 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3497353-3497354-3497357--104-3497465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

den „Kameraden" steht das Erlebnis" im Mittelpunkt des jugendlichen Lebens und auch hier bildet die Fahrt mit den mannigfachen Erlebnissen die Quelle der dauernden Kraft. Freilich setzt sich sehr bald in der jüdischen Jugendbewegung der Wille zu systematischer Arbeit durch. Diese systematische Bildungsarbeit, die also ihre Aufgabe in der Ueberlieferung der Kulturwerte sieht, wird in den meisten Bünden notwendig auf das Gebiet des jüdischen Lebens und der jüdischen Kulturwerte gerichtet. Wir werden darauf noch zu sprechen kommen. Es sei hier nur daran erinnert, daß etwa in „Blau Weiß" in einer bestimmten Epoche seiner wechselvollen Existenz der sehr ernsthafte Versuch gemacht worden ist, auch alle anderen Kulturwerte in geradezu akademischer, exakter Form in die Erziehungsarbeit des Bundes einzuführen. Jüdische Jugendbewegung hat zwei große Kräftequellen. Die eine ist die Ablehnung der heutigen Gesellschaft im bereits angedeuteten Sinne der deutschen Jugendbewegung, die andere ist die notwendige Ablehnung der heutigen jüdischen Gesellschaft in allen Teilen ihres Lebens. Diese beiden Quellen dürfen nicht verschüttet werden, wenn nicht die Jugendbewegung überhaupt zugrunde gehen soll. Gerade das unterscheidet ja Jugend bewegung von der Jugend pflege, daß sie ändern, den alten Typus durch einen von Grund auf neuen ersetzen will. Bei der Kritik an dem Bestehenden muß zugleich bemerkt werden, daß der Typus des jüdisch gebildeten Juden in Deutschland verloren gegangen ist. Der jüdisch gebildete Jude ist keineswegs einer, der hundert Kapitel Bibel auswendig weiß. Denn obwohl der Unwissende (Am haaretz) nicht fromm sein kann, spielt das Wissen im Judentum keine andere Rolle als in dem von uns gefaßten Bildungsbegriff. Wissen bedeutet im Judentum nichts, wenn es bloß äußerlich und mechanisch anhaftet, und wenn es nicht mit der Gesamtpersönlichkeit des Wissenden in inniger Weise verknüpft ist. Nur eine überrationalistische Epoche im Judentum kann das bloße Wissen anerkannt haben. Für uns bedeutet die Tatsache, daß Wissen Mizwa, d. h. Herzenspflicht ist, die Forderung, dieses Wissen mit der Persönlichkeit zu amalgamieren. Es ist der Fehler der alten Generation gewesen, daß sie es nicht verstanden hat, dieses Wissen lebendig zu machen. Es ist nicht die Aufgabe der Jugendbewegung, die geradlinige Ergänzung oder Fortsetzung der Schule zu sein. Aber es scheint mir ebenso unverantwortlich, tausendfach unverantwortlicher zu sein, die Jugendbewegung in Pfadfinderei und romantischer Stimmung aufgehen zu lassen. Wenn das, was von der Jugendbewegung seit 20 Jahren geschrieben und gesagt ist, echt und wahr ist, wenn das kein bloßes großes Wort ist: daß sie nämlich den „neuen jüdischen Menschen" will, dann kann dieser neue jüdische Mensch weder der romantische, augenaufschlagende Jüngling sein, der sich mit den Stimmungen im jüdischen Gottesdienst oder im jüdischen Hause begnügt, und es darf auch nicht der sein, der bis oben hin angefüllt ist mit jüdischem Wissen ohne lebendige Beziehung zur Welt, kein Bochurtypus — sondern das Bildungsideal, zu dem die jüdische Jugendbewegung zu erziehen hat, das ist der Jude, der eine starke Beziehung zu irgendeinem Gebiet der jüdischen Kulturgüter hat und den diese Beziehung 94

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.