Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 93 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Bildungsarbeit ist die systematische Ueberlieferung dieser Kulturwerte. Zeiten, intellektualistischer Bildungsideale werden notwendig in der Bildungsarbeit die Ueberlieferung intellektueller Werte sehen. Das romantische Bildungsideal wird in der Bildungsarbeit wieder manche andere Seite des Systems der Geltungsgebiete fassen. Unser heutiger Bildungsbegriff geht auf die Totalität der Kulturwerte. Das Prinzip der Auswahl wird bestimmt von dem Begriffe der Persönlichkeit, die sich in der Bewältigung der Kulturwerte bildet und die sie gleichzeitig wieder schafft. Die Stellung der Jugendbewegung, und wir wollen darunter besonders die in Deutschland entstandene und für Deutschland typische Form des Wandervogels verstehen, zu Bildungsideal und danach zu Bildungsarbeit, wuchs aus dem Wesen dieser Jugendbewegung selbst. Die Jugendbewegung ist eine revolutionäre Bewegung gewesen. Das Bekenntnis am Hohen Meißner, das der beste Ausdruck des damaligen „Jugendwillens" gewesen ist, war zugleich ein Protest gegen die herrschende Gesellschaft. Das, was der herrschenden Gesellschaft vorgeworfen wurde, ist die „Oberflächlichkeit", die „Scheinheiligkeit" ihrer Kultur und ihres Lebens. Der neue Jugendwille richtete sich gegen die Heiligsprechung der Großstadtkultur mit ihren Folgeerscheinungen: mit der Anerkennung der notwendigen Gesellschaftsformen, der Geselligkeit, der Mode, der Konvention, des Verdienstes und des Kompromisses. Das Wort, das damals — freilich historisch stark belastet — die Jugendliteratur beherrschte, hieß: Umwertung aller Werte, das sollte heißen: Umwertung der von der Gesellschaft heilig gesprochenen, anerkannten Werte. Wie sollten diese Werte umgewertet werden? Sie sollten ungewertet werden im Sinne des von der Jugendbewegung geschaffenen neuen Bildungsideals. Dieses Bildungsideal war ein romantisches. Im Mittelpunkt stand der Begriff des „Erlebnisses". Alle Werte also, die Gegenstand des Erlebens werden konnten, wurden bejaht. Alle anderen verneint und verdammt. So mußte aus der Fülle der Kulturwerte eine bestimmte Auswahl herausgeschnitten werden, und es entsteht der Begriff der „Jugendkultur". Jugendkultur, das bedeutet: die von der Jugend anerkannte Welt der Werte. Hier wäre ein Punkt, an dem man etwa die Wurzeln für den Niedergang der Jugendbewegung zu suchen hätte, weil ja der Begriff der Jugendkultur, der schon theoretisch erheblichen Bedenken ausgesetzt ist, auch der Bewährung des Jugendlichen im Leben, das Leben der „Jugendkultur" ist, hindernd in den Weg stand. Bildungsarbeit kann in diesem Stadium der Jugendbewegung keineswegs die systematische Uberlieferung von Wissen bedeuten. Denn gerade der Wissensstoff ist es, der mit aller Schärfe abgelehnt wird. So enthalten die Hefte des Wandervogels und der Freideutschen Jugend kaum je einen Aufsatz, der einen bestimmten Wissensstoff zu vermitteln sucht. Immer wieder wird die Fahrt oder der Heimabend das Lied oder das Spiel zum „Erlebnis" der jungen Menschen, immer wieder bricht der neüe „Jugendwille" lebensreformerisch zu sein, durch und fordert Umwertung auf allen Gebieten. Die Entwicklung der jüdischen Jugendbewegung geht mit der deutschen Hand in Hand. Auch sie ist in den Anfängen eine romantische Bewegung. •Auch hier in den ersten Jahren des „Blau Weiß" und sehr lange Zeit bei 93