Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 91 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Cheruth). Wenn wir uns umsehen, werden wir finden müssen, daß die meisten unter den Menschen, die sich um Geistiges bemühen, dieser Abirrung verfallen sind. Diese ästhetisierende Art, die schon so uneigentlich und weichlich spricht wie sie lebt, ist heute fast vorherrschend. Das, was uns Bub er dagegenstellte, ist in jeder einzelnen Lage deutlich, ja fordernd. Allgemein darstellen kann ich diese Grundaufgabe noch nicht. Ein anderes Beispiel. Betrachten wir die Bibelübertragungen der letzten Zeit, so werden wir als ihr Bemühen finden, den „Sinn" der betreffenden Stelle wiederzugeben. Die Schrift-Uebersetzung von Buber und Rosenzweig aber müht sich um das ,,W o r t", um seine sinnlich-lebendigen, unabstrakten Schichten. Die Worte „allgemein" und „konkret" bezeichnen nur diesen Gegensatz, sie drücken aber schon einen Teil des Unterschieds beider Haltungen überhaupt aus. Diese neue Stellung zum Wort scheint mir einer der Hauptgründe für die Bedeutsamkeit dieses großen Werkes der Schrift-Uebersetzung. Denn gerade sie ergibt wohl jene Entsprechung zur Welt der Schrift, die dem Leser sich aufdrängt und ihn erst richtig sehen läßt. Die Uebersetzung ist aber auch eine eminente Leistung für die deutsche Kultur; hier öffnet sie ja oft der Sprache ganz neue Gebiete. Es ist doch auffällig, daß Martin Bubers Werk, das mit jüdischen, chassidischen Schriften begann, sich nun in mannigfaltiger Strömung zur deutschen Kultur hinwendet. Man hat oft die Frage gestellt: Wie soll ein lebendiges jüdisches Volk in der Galuth möglich sein, wie kann der Golüs die Geschichte fortsetzen? Dieses Leben und Geschehnis Martin Buber scheint mir die Antwort zu geben (wie sie uns auch die Geschichte gibt). Not tut Sicherung der jüdischen Person, unerläßlich im menschlichen und jüdischen Sinne ist der „Anschluß", wie ihn ein Einzelner oder Bund vollziehen können. Ist aber dies geschehen, kann und soll Hinwendung zur deutschen Umwelt erfolgen. Denn im Ergebnis verengt der „Anschluß" nicht die Möglichkeiten der Person. Was aber in der Hinwendung der verwurzelten jüdischen Person geschaffen wird, i s t dann eben das jüdische Werk, das die Zeit gerade von dieser Generation verlangt. Es gibt eine schöpferische Entwicklung in der jüdischen Geschichte, ihre Inhalte sind nicht von vorher festgelegt, sie werden erweitert und erneut. So lehrt es schon der Blick in die Geschichte. Unmittelbar aber kann man es wohl spüren, daß diese deutsche Schrift-Uebersetzung gerade die geforderte jüdische Tat in unserer Lage darstellt. Es gibt im „Verborgenen Licht" eine Geschichte, die den Unterschied zwischen dem Lernen aus Büchern und dem Lernen vom Zaddik aufweist. Man kann sich auch auf die Schriften Martin Bubers und seine Person anwenden. Gewiß, seine Bücher vermögen ein Leben vollkommen neu zu gestalten, wem es aber erlaubt war, mit ihm selbst zusammen zu sein, der erfuhr das, was über alles Lehren durch Bücher hinausgehen und Unsagbares mitteilen kann: das Geheimnis der Person. Es gibt wirklich eine überworthafte Mitteilung durch Blick, Art des Daseins und Art des Sprechens. Erst hier erfährt man das Ganze und Letzte. Martin Buber, 91