Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 90 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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sondern die Volkswirklichkeit. Nun wird er auf den weiterführenden Weg getrieben: den des Lernens, und dankt dem Manne, der ihm diese Welt erschloß. Während er nun so lernt, hat er doch noch die Einstellung dem ,Stoff" gegenüber, wie anderen wichtigen Problemen, etwa dem des Sozialismus. Auch hier liegt eine sachliche Frage, zu der es sich zu stellen gilt. Noch ist das Lernen ihm nichts anderes als Bereicherung um interessantes, vielleicht sogar nötiges Wissen. Dann aber wird ihm gedeutet, wie es mit ihm steht. Er liest in den ,,Reden". Bisher war er nur gewöhnt, sich isoliert zu betrachten. Er stand für sich getrennt da, allenfalls etwas beeinflußt durch gewisse Erbteile von den Eltern her. Er glaubte, völlig frei, unbeschwert dorthin gelangen zu können, wohin ihn sein individueller freier Wille trieb. Nun erfährt er von seiner Substanz, seinem mitgegebenem seelischen Knochengerüst. Eine entscheidende neue Verbundenheit wird ihm fühlbar. Er erkennt, daß hiermit wirklich sein Grundwesen ausgedrückt ist. Wie einen gehaßten Zwang empfindet er es zuerst. Langsam lernt er sehen, daß hier was anderes vorliegt als ein Zwang, daß er jetzt erst zu seiner wahren Möglichkeit gelangen kann. Blitzartig entsteht vor ihm all das Elend, das Verkleinernde seiner bisherigen Freiheit. Tief lernte er spüren, was den Generationen vor ihm verloren gegangen war: den Sinn und den Wert der Gemeinschaft. Buber gibt ihm wieder das Zielwort: der Anschluß, der Anschluß an sein Volk. Die Verwurzelung im Volke lernt er als Aufgabe erkennen und sehen. Nur so will er fortan seine menschliche Zulänglichkeit zu erlangen suchen. Nun weiß er: die jüdische Frage ist nicht nur eine politische Frage, überhaupt nicht nur ein Problem aus der Welt des Objektiven: sie ist vor allem eine ganz persönliche Frage, die Frage nach dem Heil, dem Sinn, der Sicherung seiner Person. Im Lernen bildet er seine Person, erfährt er seine eigene Geschichte. Er erfährt, daß seine wahrhaft schöpferischen Möglichkeiten zutiefst von diesem ,»Anschluß" abhängen. Denn nun lernt er sehen — durch manches chassidische und viele eigene Worte seines Führers hingewiesen, wie viele Menschen an ihrer Bestimmung vorbeileben, auch und gerade unter den geistigen. Es gibt eine Gefahr des Modernen — ich will sie Intellektualismus nennen —, die an aller Ganzheit und Wirklichkeit vorbeitreibt. Hiergegen setzt Martin Buber die „Konkretheit" und bezeichnet damit die Aufgabe des geistigen Menschen in seiner Persönlichkeitsgestaltung. Es ist mir schwer, davon deutlich genug zu berichten: einige Hinweise aus verschiedenen Gebieten geholt, mögen es aufweisen. Wer ist denn der „Intellektualist?" „Das Unbedingte wirkt sich dann am Menschen aus, wenn er sich in seinem ganzen Wesen von ihm ergreifen, durchschüttern, verwandeln läßt, wenn er ihm mit seinem ganzen Wesen antwortet . . . Aber es kann die wunderliche Per Version eintreten, daß einer sich in dem Wahn gefällt, er habe sich dem Unbedingten ergeben, dieweil er sich ihm von Grund auf entzogen hat. indem er das Ereignis seiner Berührung zum „Erlebnis" mißbrauchte; er ist in seinem ganzen Wesen unergriffen, unverwandelt geblieben, aber er hat eine sublime Stunde genossen, er kennt die Antwort nicht, er kennt nur die „Stimmung"; er hat Gott psychologisiert. (Buber, eo