Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 89 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Freiheitsgedanke in der heutigen Erziehung eine größere Rolle spielen, als Buber annimmt. Martin Buber ist Führer zum Judentum geworden, er vermochte es nicht, Führer des Judentums zu werden. Das neu entstehende Judentum besitzt keine zentrale Führerperson. Es ist ein Volk, dessen Führer seine Not ist, dessen Vorkämpfer die Schar jener sind, die die Not erkannten. Ihre Erkenntnis der Not, der physischen und geistigen Not des Volkes, verdankt diese Schar zum guten Teile dem Manne, dessen fünfzigsten Geburtstag wir heute feiern. Dafür sei ihm unser Dank! HERMANN GERSON: MARTIN BUBERS 50. GEBURTSTAG Vorbemerkung. Wir haben Hermann Gerson vom deutsch-jüdischen Wanderbund Kameraden eingeladen, hier über seine Stellung zu Martin Buber zu sprechen. Sind wir auch mit ihm -.— besonders am Schluß seines Aufsatzes — nicht einer Meinung, so scheint uns doch dieses Bekenntnis zu Buber auch für uns von Bedeutung. Martin Bub er 50 Jahre! Ich kann zunächst nur berichten, was mir durch ihn begegnete, aber ich meine, daß er in unserer Generation vielen ähnliches bedeutete. — Wie steht es denn in weiten Kreisen des deutschen Judentums heute mit der Jugend? Man weiß nichts mehr von der eigenen Geschichte. Die Sprache der „Schrift" ist verschlossen. Versprengt steht der einzelne da, sieht oft sogar diese „Freiheit" als hohen Wert an. Fragt ihn jemand einmal nach dem Sinn seines Judeseins, so hat er die Antwort bereit: Wir haben eine Mission, die Verkündung jüdischer Ethik! — Und nun geschieht es, daß zufällig in diese Welt eine ganz fremde Sprache dringt,: die spricht von einem „jüdischen Volk" nicht primär als von einem politischen Begriff, sondern als von einem geistigen Geschehnis. Verwundert, geht man der Stimme weiter nach. Da begegnen die Bücher, die vom Chassidismus berichten. Bei dieser ersten, immer wieder starrstaunenden Begegnung^ geschieht mancherlei Entscheidendes für die jüdische wie die menschliche Haltung dessen, der sich öffnet. Er hört, welch Leben bei den Ostjuden geblüht hat. Er wundert sich, daß diese Mensehen aus ganz anderem Kulturkreis gerade das sagen können, was er hören will und muß. .Diese Menschen leben ja zusammen. Ihr Jude-Sein ist etwas anderes als das seine! Ihnen ist es vollste Selbstverständlichkeit, unverlierbarer Lebensgrund. Und trotzdem sind sie nicht eng und beschränkt,, wie er erwartet hätte. Plötzlich, ihn selbst überraschend, entdeckt er in sich eine große Liebe zu diesen Männern und zu dem Volke, dem sie angehören. Dieser Chassidismus wird ihm zum Punkte, wo er durchbricht zur jüdischen Geschichte, wo er zum ersten Male keine „Idee", die das jüdische Sein kläglich rechtfertigen muß, als Judentum vorfindet, 89