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Der junge Jude · 1928-03-01 · Heft 3 (März 1928) · p. Seite 87

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 3 (März 1928)
Date
1928-03-01
Page
Seite 87 (sequence 17)
Language
German
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die „Mission" predigte, folgte der naive Nationalismus der HerzTschen Periode: Israel möge werden wie alle Völker. Diesem naiven Nationalismus, der sich erschöpfte im Anstreben der formalen Merkmale der Nation, der Staatsgewalt, ohne die realen Grundlagen eines Staates im Oekonomischen, Sozialen und Kulturellen zu beachten, trat Buber ebenso wie die osteuropäischen Kulturzionisten entgegen. Und doch anders. Diese hatten nicht erst das Judentum zu suchen, sie hatten es zutiefst in sich, sie waren Kinder der Haskalah, ihr Kulturzionismus bestand in einer Säkularisierung, Verweltlichung der jüdischen Kultur. Anders Buber. Er, in dem sich das Erbe des Chassidismus mit dem der Haskalah verband und der zutiefst in der Kultur des Abendlandes untergetaucht war, führte ein entjudetes Geschlecht durch alle Entwicklungsstufen des Volkes zur Neugestaltung. Er lehrte uns, daß wir uns nicht der Geschichte unseres Volkes als Beobachtende gegenüberstellen dürfen, sondern sie als unser eigenes Leben erfahren müssen. Auch jeder Abfall, jede Schmach in der jüdischen Geschichte, ist unser Abfall, unsere Schmach. So rettete Buber dem Judentum im Westen eine entfremdete Generation, der er das ,»Abschreiten des Weges" wies. Dieser Teil von Bubers Lehre ist heute so aktuell wie je. Er führte uns aber auch selbst in das Stadium der Geschichte ein, indem er sie uns lehrte nicht in ihrer Statik, sondern in ihrer Dynamik. Diese dynamische Auffassung der jüdischen Geschichte zeigt er uns vor allem in seiner Darstellung der chassidischen Lehre und Umdichtting der chassidischen Erzählungen. Bubers chassidische Bücher lehrten uns eine Kulturbewegung, die man bis nun nur in ihren Entartungen kannte, in ihrer Reinheit kennen. Eine tief ins Volksleben eingreifende Bewegung breiter Schichten, die sich auflehnten gegen den Dünkel der Bildungsaristokratie der „Lamdanim", ein Ideenkampf, der der gelernten Gottesfurcht die wahre Religiosität der Verwirklichung gegenüberstellte, getragen von Menschen, die Gottes Funken m allen Dingen erkennen und erlösen wollen. Nicht mehr die Askese eines auf strenge Erfüllung der Vorschriften gerichteten Traditionsjudentums, sondern die Freude am Leben und Tun, die Bedeutung jedes Einzelnen im Weltgeschehen, das waren die auszeichnenden Merkmale unserer letzten großen religiösen Bewegung, deren Kenntnis uns Buber erschloß. Wirksamer als dieser Teil von Bubers Lehre war eine Zeitlang sein Wort an die jüdische Jugend, seine Reden über die Neugestaltung des Judentums und hier gehen unsere Meinungen mit denen Bubers vielfach auseinander. Restlos stimmen wir mit ihm überein, wenn er lehrt, daß menschliches Verhalten, nicht vor allem ein intellektuelles, sondern ein aktuelles ist, daß es nicht auf die Wahrheit als Idee, sondern auf die Wahrheit als Tat ankommt. Was ist aber diese Tat? Buber stellt in den Mittelpunkt seiner Erörterungen das Problem der Gemeinschaft. Dem Aufbau der Gemeinschaft gegenüber sei der moderne Sozialismus eine Verkleinerung, Verengung. Diese Gegenüberstellung scheint uns nicht korrekt zu sein. Der moderne Sozialismus will die gesellschaftlichen Bedingungen scharfen, auf Grund derer das Gemeinschaftsproblem überhaupt erst aktuell werden kann. Gemeinschaften waren möglich in einer Periode der gebundenen, zünftlerischen Wirtschaftsordnung des Ghettos (und auch da baute sie sich 87

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