Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 86 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn der Mittag kommt, kehren wir ins Lager zurück. Ich trenne mich von den Chawerim und spaziere langsam dahin und sauge die Ruhe in mich, die Ruhe eines Mittags in der Heimat. Hinter dem Hügel kehren die Lagerwagen zurück, die die am Berge gehauenen Steine zur Chaussee bringen. Unter ihnen ein Wagen voll frischen Heus, mit farbigen Blumen durchsät, und auf dem Heu sitzt meine Arbeitsgenossin, die Zügel in ihren Händen, ihre Augen voller Freude. Nach dem Mittagessen zerstreuen wir uns in unsere Zelte, um zu ruhen. Beim Klingen des Beckens, das uns als Glocke dient um uns zur Arbeit zurückzurufen, bleibt das Lager einsam mit seinen Zelten, ruhig und leuchtend. II. Und wenn der Tag zur Neige geht und ein leiser Abendwind weht, stehen die Chawerim in Gruppen zwischen den Zelten und lesen die Briefe, die „von dort" gekommen sind, von den Ländern der Galuth. Das „Dort** ist so weit, so weit geworden. Aber mit dem Lesen der Briefe rauscht einen Augenblick das Herz auf beim Sturm des kalten Winters, bei der endlosen Steppe oder dem dichten Fichtenwald, der sich dort am Ende des Städtchens hinzieht. Der Inhalt der Briefe ist fast immer derselbe: „Möge Euch Gott Kraft verleihen, teure Kinder, die schwere Arbeit zu tun. Unser mächtiger Wunsch ist es, bald zu Euch zu kommen." Und jeden zieht es zu dem, was er verlassen hat, zu seiner alten Mutter und seinem kleinen Bruder, die dort, in den Ländern des Schmerzes, geblieben waren, und sein Herz erzittert einen Augenblick ... Im nächsten Augenblick aber erfüllt das Herz große Freude, die Freude des Schaffens und Bauens. Einer beginnt mit einem Lied und der zweite antwortet. Neben der Baracke hat bereits eine Gruppe zu tanzen begonnen; und es schmelzen die Nebel des Schmerzes dahin, die die Erinnerungen hatten aufsteigen lassen, und wiederum leuchten die Augen vertrauensvoll und fröhlich. Bereits leuchten die Sterne des Himmels auf und auch aus den Zelten schimmern Lichter. Ich mache an dem viereckigen Zelte Halt, wo man Unterricht erteilt. Der junge Lehrer liest einen Abschnitt aus den Propheten, er beendet den Abschnitt und geht zur neuen Literatur über. In der großen Baracke, die uns als Speise- und Versammlungszimmer dient, findet eine Sichah der Chawerim statt. Der Abendstern ist emporgestiegen. Die Lichter in den Zelten sind erloschen. Die Insel der Arbeit ist eingeschlummert. Stille. Ben-Nissen, 1921, CHAtM HOFFMANN: MARTIN BUBER Um Bubers Bedeutung in der Entwicklungsgeschichte der zionistischen Bewegung voll zu verstehen, müssen wir uns den geistigen Zustand der Zeit des beginnenden Zionismus vergegenwärtigen. Auf den kosmopolitischen Humanismus, der dem Judentum immer wieder Aufgeben seiner selbst und 86