Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 77 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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jedem Augenblick unbewußt Tausende von Problemen, und unter uns, die wir von allem Bauen und besonders vom Aufbau eines Landes weit entfernt waren, da wir uns mit Gedanken und Abstraktionen begnügten, erstanden Männer, die mit ihren eigenen Händen das Leben der Nation aufrichteten, und das ist das große Neue. Als ich die Jungen heute abend bei der schönen Vorführung des Demonstrationszuges um das Grab Trumpeldors sah, dachte ich, daß der Eindruck ein vollkommenerer gewesen wäre, wenn man das Bild hätte ohne Worte wirken lassen. Denn dieser Mann Trumpeldor, der Einarmige, war es, der seine Arme unserem Werke lieh, den Weg der Tat und des lebendigen Handelns lehrte. Und zu diesem Abend hätte ich den Hechaluz beglückwünscht, der seinen wahren Wert tagtäglich durch die Tat, die keine überflüssigen Worte kennt, erhöht. Die besondere Kunst des Hechaluz muß Schweigen und Arbeit sein, Arbeit aus dem Schweigen heraus; denn „was ist die Kunst des Menschen auf dieser Welt", sagt der Talmud, ,,daß er sich selbst stumm mache?" Nun sind zehn Jahre vorüber. Wir alle wissen, was uns diese zehn Jahre gekostet haben. Vielleicht ist auch dies eins der Gebote des Hechaluz, seine Opfer nicht allzu sehr auszuposaunen; er ehre seine Opfer durch Schweigen. Nachkommende Geschlechter mögen über euch sprechen, ihr aber schweiget! Mögen sie Lieder singen und Dramen über euch verfassen, ohne daß sie euch gekannt haben. Wenn es jemand gibt, der nicht weiß, daß alle seine Tage Prosa waren, so braucht ihr nicht zu wissen, daß ihr all eure Tage hindurch Poesie geschaffen habt. Aber wenn ihr glaubt, daß ihr zu verzweifeln Ursache habt, weil ihr nach zehn Jahren wenig erreicht habt, so irrt ihr euch gründlich. Euer Werk ist der Beginn des Gesundungsprozesses unseres Körpers. Das lebendige Blut hat wieder in den vertrockneten und verstopften Adern zu fließen begonnen, das Herz hat von neuem zu klopfen angefangen, und die Situation, in der wir uns befinden, hat sich nicht geändert. Die ganze Diagnose, die vor 50 Jahren hinsichtlich der Galuth und hinsichtlich Erez Jisraels vorhanden war, ist unverändert geblieben. Sie hat sich als untrüglich und unwiderleglich erwiesen. Nichts ist in der Galuth passiert, das unsere Meinung ändern könnte, daß sie der Ort des Hinsiechens der Nation ist, der Ort, an dem es keine Hoffnung und von dem es keinen Ausweg gibt. Und umgekehrt: in Erez Jisrael hat sich all das, was wir vorausgesagt haben, in unverhofftem Maße bewahrheitet. Ich erinnere mich der Worte Brenners, die er über Erez Jisrael schrieb: ,,Nicht aus Heiligkeit und Religiosität, sondern daraus, daß es eine Notwendigkeit ist, daß es keinen Ausweg gibt, daß man nirgends anders hin kann ..." Brenner wußte vielleicht nicht, daß dieses Gefühl, daß es keinen Ausweg gibt, die mächtigste und heiligste Wahrheit ist; die Empfindung, daß wir hier sterben werden, daß wir hier zum Tode bereit sind, daß hier der Ort der Selbstaufopferung ist. Nur dort, wo das Gefühl ist, daß es keinen Ausweg gibt, nur dort gibt es Selbstaufopferung. Sie ist der Prüfstein jeder Wahrheit in der Welt. Hier ist die Schwelle der Religiosität. Dieses Gefühl bleibt bestehen — es gibt keinen Ausweg außer Erez Jisrael. An jedem andern Orte ist Untergang, Siechtum, Verachtung und Erniedrigung. Hier ist der Platz eng, aber es gibt hier ein 77