Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- Seite 75 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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noch ein Gefühl der Furcht vor dem letzten Stadium der Tat vorhanden. Es war die Empfindung, daß die Menschen den Zionismus für andere predigen. Nicht nur die Masse des Volkes, sondern auch die Menschen des eigenen Lagers verschoben das eigentliche Handeln auf eine spätere Zeit. Jedenfalls dachten sie, daß sie sich für irgendeine verschwommene Allgemeinheit mühten und nicht für sich selbst: Einzelne gehen nach Palästina, vereinigen sich allmählich zu einer Kraft, und von ihnen aus wird die Sache weiter wachsen. Aber sich selbst sahen die Chowewe-Zion nicht als verantwortliche Verwirklicher der Idee an. Wir alle, Söhne jenes Geschlechts, erinnern uns dieser Empfindung, die den besten Chowewe-Zion gemeinsam war. Und als damals Männer auftraten, die diesen Vorwurf gegen die Führer der Bewegung schleuderten — erinnerlich sind die Aufsätze Hillel Zeitlins —, weshalb sie nicht selbst das Gebot des Aufbaues Erez Jisraels erfüllten, verstummten wir und wußten keine Antwort. Das war ein sehr bitterer Vorwurf. Und nun ist vor zehn Jahren der entscheidende Moment, ist die Krise gekommen. Wir wollen nicht undankbar sein. Auch vor euch gab es einzelne kleine Gruppen der Bilu und anderer, die ins Land gingen, aber sie waren Einzelne und die Bewegung trug das Gepräge der Zufälligkeit, sie war nicht das Gut der großen Allgemeinheit. Erst mit der Begründung des Hechaluz kam die Krise, die Wendung zum Guten, und unsere Bewegung trat in das Stadium des Handelns ein. Jeder der Jungen, die sich dieser Bewegung anschlössen, fühlte in sich die Pflicht und Verantwortung zur Tat, nicht für eine verschwommene Allgemeinheit, sondern er selbst war die Allgemeinheit, der für die Verwirklichung Verantwortliche und Verpflichtete. Das war der Beginn der Heilung der ansteckenden Krankheit, der Furcht vor dem Handeln, der Angst vor der Tat. Achad Haam sagt irgendwo, daß das jüdische Volk als Gesamtheit ein proletarisches Volk ist, da es mit fremdem Kapital und mit Werkzeugen anderer arbeitet und der Ueberschuß seiner Arbeit seinen Arbeitgebern zufällt. Alles, was die Juden den fremden Kulturen, in Geist und Materie, einbringen, wird nicht auf ihr Konto gestellt, sondern auf das Konto anderer. Aber das jüdische Volk beachtete nicht den tragischen und furchtbaren Umstand, daß dieses ausgebeutete Volk in aller Augen als Parasit galt. Das ist eine Satire sondergleichen. Ein Volk, das in den Fabriken anderer Völker arbeitet, schwer, talentvoll, einbringlich arbeitet, hat von der Frucht seiner Arbeit auch nicht die geringste Nutznießung, und trotzdem hat man die Stirn, es Parasit zu nennen. Aber ohne Zweifel gibt es auch eine richtige Seite an dieser Beschuldigung, weil unser Volk, bei der Schwäche seines Willens, dem Mangel des Glaubens an seine Kraft, auch ohne Herren zu existieren, auf eigene Verantwortung, mit eigenem Kapital und eigenen Werkzeugen zu arbeiten, bei seiner Neigung, sich stets auf einen fremden Körper zu stützen, in der Tat ein Parasit zu sein scheint. Denn nicht immer offenbart sich Parasitentum in Müßiggang. Es gibt ein Parasitentum, das viel arbeitet, aber man erkennt es an der Furcht des Mannes vor seiner eigenen herrenlosen Selbständigkeit. Es gibt Diener und gute Verwalter in fremden Angelegenheiten, die ihre Herren stark bereichern, aber nur, so lange jemand hinter ihnen steht, der die Last der 75