Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 1 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1928)
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3497353-3497354-3497356--074-3497434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die Gefahr hin, daß diese Bewegung noch oftmals zurückgeschlagen wird. Meine marxistischen Studien, mein ganzes Nachdenken über die Fragen des Sozialismus und Kommunismus haben mich noch nie die letzte Gewißheit spüren lassen, daß die „große Weltenwende" nahe ist, und auch Theoretiker des heutigen Kommunismus sprechen jetzt von einer neuen Stabilisierung des Kapitalismus, aber dieses negative Bewußtsein würde mich nie hindern können, daran mitzuarbeiten, daß versucht wird, sie herbeizuführen, ja, es genügt mir, an einer Bewegung aktiv teilnehmen zu dürfen, die zur Beseitigung des Unrechts kämpft, ob ich die Gewißheit des Sieges habe oder nicht. Was heißt denn glauben, daß der Zionismus die Lösung der wirtschaftlichen oder kulturellen Judenfrage bringt? Nach meiner Ueberzeugung heißt es nicht, daß nach der Verwirklichung des Zionismus die Majorität der Juden der ganzen Welt aus wirtschaftlicher und kultureller Not befreit sein wird, sondern die Lösung der Judenfrage durch den Zionismus liegt in der Schaffung neuen jüdischen Volkslebens in dem aktivsten, lebendigsten, am meisten nach sozialer Erneuerung strebenden Teil des jüdischen Volkes. Wenn Du das jüdische Volk auf der ganzen Welt übersiehst und Dich ihm zugehörig fühlst, so wirst Du sehen, daß der sehnsüchtigste Teil dieses Volkes, der, der jung ist, der unter der Häßlichkeit dieser Welt am schwersten leidet, der noch ein Gefühl für das Entsetzliche unserer Zeit hat und dies tätig überwinden will, in der zionistischen Bewegung ist. Was wirkliche moralische Kraft, wirkliche Leben gestaltende Macht anlangt, so kann sich der Zionismus bestimmt mit der kommunistischen Bewegung vergleichen. Ich bin in diesem Jahr auf dem Zionistenkongreß in Basel gewesen, und ich habe so viele Menschen- und nicht nur Arbeiter und Palästinenser — gesehen, die so im Dienst der Sache standen, so ganz von der Idee besessen waren, bequeme Menschen und bewegliche, über die unsere Idee Macht hat, die sie durch die Welt hetzt, die sie auf die Bequemlichkeiten ihres Lebens verzichten läßt, daß es mir noch nie so deutlich war wie damals, daß nur eine ganz starke moralische und erneuernde Idee — ganz gleich, ob sie siegt oder zerschellt — eine derartige Macht über Menschen gewinnen kann. Und noch eines kommt hinzu, für uns vielleicht das wichtigste: Wir sind Menschen aus dem Bürgertum, die trotz ihres sozialistischen Bewußtseins mit ungeheuer vielen, sehr festen Banden mit dem Bürgertum verknüpft sind. Hermann Hesse sagt gerade von Menschen, die so am Rande des Bürgertums stehen: wer nicht wider das Bürgertum ist, ist für es. Wir bürgerliche Menschen mit sozialistischem Bewußtsein müssen unter allen Umständen dazu kommen, unsere Tat zu tun. Wir bleiben hoffnungslos im Zwiespalt unseres Seins mit unserem Bewußtsein stecken, wenn wir nicht zu unserer Tat kommen. Du mußt Dich jetzt aufs allerehrlichste prüfen, ob Du glaubst innerhalb der KP. so zu einem Deiner Art gemäßen Handeln zu kommen, wie Du es bei uns in der zionistisch-sozialistischen Bewegung konntest. Gerade das, was Dich an unsere Menschen hier und in Palästina bindet, ist nicht nur ein Gefühl, das neben einer Ideologie nebensächlich ist, sondern es ist das Jüdische in Dir, das Dich gerade diesen Menschen gegenüber zu einem Tun aus Deinem Wesen heraus kommen läßt. Dies ist der Rest eines nationalen Gefühles in Dir, das Dich eher zu Menschen Deiner Art hinzieht und Dich gerade mit ihnen zu einer Tat kommen läßt, die ein tief in Dir Angelegtes zur Gestaltung bringt. Und Du mußt Dir darüber klar sein, daß wenn Du in der KP. nicht zu einem solchen Tun aus Deinem Wesen heraus kommst, Du trotz Deiner Zugehörigkeit zur revolutionärsten proletarischen Partei Bürgerin bleibst. Auch im Zionismus kann man ein Bourgeois bleiben oder werden, aber ich behaupte, daß, wenn man mit seinem Leben wirklich Ernst 67