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Der junge Jude · 1928-01-01 · Heft 2 (Januar 1928) · p. Seite 65

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Journal
Der junge Jude
Volume
1 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Januar 1928)
Date
1928-01-01
Page
Seite 65 (sequence 27)
Language
German
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UMSCHAU AUSSPRACHE ÜBER .RELIGIÖSE ERZIEHUNG" „Wenn alle „Richtungen" versagen, in der Finsternis über dem Abgrund ersteht die Eine wahre Richtung des Menschen, auf den schöpferischen Geist, auf den allüber den Wassern brütenden Gottesbraus zu — den, von dem wir nicht wissen, von wannen er kommt und wohin er fährt." So schließt Martin Buber eine „Rede über das Erzieherische"*) und voll Stolz und voll Demut über die Autonomie des Menschen eröffnet er unermeßliche Perspektiven, wenn er sagt, daß jeder Mensch sich und andere dem Schöplerischen öffnen, daß Jeder den Schöpfer anrufen kann, damit er sein Ebenbild rette und vollende. Diese Feststellung, die in ihrer Großartigkeit weit über das Vorstellungsvermögen hinausgeht, brachte die gleiche geistige Erschütterung wie ein von Martin Buber geleiteter Ausspracheabend im Dezember vor. Jahres über „Religiöse Erziehung" (veranstaltet von der „Jüdischen Waisenhilfe"). Buber stellte zunächst fest, daß es eine religiöse Erziehung nicht gibt, sondern daß es bei jeder Erziehung darauf ankommt, das Kind für eine Beziehung mit Gott vorzubereiten. Religion, vielmehr Religiosität, ist nicht ein mit Hilfe psychologischer und wissenschaftlicher Begriffe und Erkenntnisse lehrbarer Inhalt, sondern sie entsteht jedem einzelnen Menschen als immer neue „Offenbarung" in einem Augenblick der Begegnung mit der Gottheit, nach einer Anrede durch sie. Infolge dieser Anrede bricht eine Wirklichkeit in das Wesen des Menschen ein, um deren Existenz er vorher nicht wußte und deren Ursprung er nicht be- *) Verlag Lambert Schneider, Berlin 1926. zeichnen könnte; er weiß nur das Eine: daß er angeredet wurde und Antwort gab. Da aber nur Auserwählte die Kraft zu immer neuem Erlebnis der Anrede und Antwort besitzen (zum — wie es in Buber's Schrift „Ich und Du"**) heißt — Rhythmus der Beziehung: dem Wechsel zwischen Aktualität und Latenz), hat sich der Mensch Gott zum Glaubensobjekt geschaffen (der Mensch glaubt sich in Gott beschlossen) und allmählich ersetzt dieser Glaube die Beziehungsakte. Auch die Gebräuche des Kultes erklären sich aus dem Wunsche, nicht in Einsamkeit dem Erlebnis des Angeredetwerdens ausgesetzt zu sein, sondern gemeinsam die Vorschriften zu erfüllen. Buber warnt aber — als von einer Seite auf die Bedeutung der Formen für die Erhaltung jüdischreligiösen Lebens hingewiesen wurde — vor der großen Gefahr der Selbstzufriedenheit bei vorschriftsmäßiger Erfüllung der Gebote. Es komme weniger auf die Erfüllung der Formen an, als auf die Kraft des Menschen, Gott anrufen zu können und auf das urpersönliche Erlebnis des Einzelnen, Antwort zu geben, so oft er sich von Gott angeredet weiß. So ist auch im Unterschied zu allen Formen der Kultur, in welchem die Strömungen und Bewegungen der Menschen ihren Ausdruck, ihre Gestalt gefunden haben, Religion allein etwas Ungeformtes, eine Wirklichkeit zwischen den Menschen, eine Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Da aber Religion: das Du-Sagen zu Gott, dem Anredenden, von jedem einzelnen Menschen für sich allein vollzogen wird, so kann die Erziehung nichts anderes tun, als für diesen Augenblick der höchsten Begegnung vorzubereiten. Dafür gibt es zwar keine allgemeingültigen Mittel, aber Buber **) Insel-Verlag, Leipzig, 1923. 65

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